Gesundheit
Meningitis durch Apotheken-Eigenproduktion
Freitag, 5. Oktober 2012
Eine Serie von Meningitiserkrankungen hat in den USA eine
Diskussion über die Sicherheit von Apotheken-Eigenprodukten ausgelöst. In den
letzten Wochen waren in fünf Staaten insgesamt 35 Patienten nach epiduralen
Steroid-Injektionen an einer fungalen Meningitis erkrankt, an der bisher fünf
gestorben sind. Lieferant war eine Apotheke aus Massachusetts, die sich auf die
Eigenproduktion von Medikamenten spezialisiert hat.
Die Apotheker haben sich seit dem 19. Jahrhundert von
Produzenten zu Händlern von Arzneimitteln entwickelt. Jeder Apotheker erwirbt
aber im Studium profunde Kenntnisse zur Herstellung von Arzneimitteln, und
immer wieder entdecken Apotheker Marktnischen, die die Eigenproduktion
wirtschaftlich erscheinen lassen. Lange war dies auf die lokale Versorgung der
Kunden beschränkt.
Das Internet öffnet jedoch auch hier neue Möglichkeiten des
Vertriebs. So fand das „New England Compounding Center“, eine Apotheke aus
Framingham in Massachusetts, Kunden in weiten Teilen der USA. Zu den Produkten
gehörten auch Injektionslösungen mit Methylprednisolon, die offenbar landesweit
vertrieben wurden, so auch an eine Klinik in Nashville im US-Staat Tennessee.
Dort war es seit Ende Juli 2012 zu einer Serie von
Meningitiserkrankungen durch Pilzinfektionen gekommen. Erst vor kurzem gelang
es, die Infektionen auf den Hersteller in Massachusetts zurückzuführen. Die
Behörden haben die Apotheke inzwischen geschlossen und das Produkt zurückgerufen.
Es soll an 75 Kliniken in 23 Staaten geliefert worden sein. Die Centers for
Disease Control and Prevention rechnet deshalb damit, dass noch weitere
Erkrankungen bekannt werden.
Das New England Compounding Center hat durch den Versand
über die Grenzen des Bundesstaates hinaus möglicherweise gegen geltendes Recht
verstoßen, denn die US-Arzneibehörde FDA duldet laut einem Bericht der New York
Times den Vertrieb von Apotheken-Eigenprodukten nur innerhalb einzelner
Staaten.
Ob der Verstoß rechtliche Konsequenzen haben wird, ist noch
offen. Das Problem besteht jedoch darin, dass die Apotheken-Eigenprodukte
keinerlei Qualitätskontrolle unterliegt, die den Good Manufacturing Practice
der Pharmaindustrie entspricht. Die FDA führt in der Industrie (auch im Ausland)
Überprüfungen durch, während die Kliniken bei Apotheken-Eigenprodukten auf das
Verantwortungsbewusstsein der Pharmazeuten vertrauen müssen.
Dieses Vertrauen war nach dem Bericht der New York Times
offenbar nicht gerechtfertigt, denn zu der betroffenen Apotheke soll es in den
letzten Jahren mehrfach Beschwerden gegeben haben. Auch die FDA habe die
Apotheke zweimal abgemahnt. Auch andere Apotheker, die sich der Manufaktur von
Arzneimittel verschrieben haben, sind Auslöser kleiner Epidemien gewesen.
So waren 2002 mindestens 5 Menschen in South Carolina an
einer Meningitis erkrankt, weil eine Apotheke nicht sauber gearbeitet hatte. Im
letzten Jahr starben neun Patienten in einer Klinik in Alabama, weil eine
Nährstofflösung aus einer Apotheke in Birmingham/Alabama bakteriell
kontaminiert war. Der Pharmacy Compounding Accreditation Board bemüht sich
inzwischen um eine Qualitätsverbesserung der Apotheken-Eigenprodukte. Von den 3.000
„compounding pharmacies“ sollten sich aber bisher erst 162 den freiwilligen
Qualitätsstandards des Fachverbands unterworfen haben.
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