Vom Arztdasein in Amerika
„Ich will mehr Konsile”
Mittwoch, 31. Oktober 2012
Ähnlich wie in
Frankreich, der Schweiz, Deutschland und vielen anderen Ländern gibt es auch in
den USA etliche Patientensituationen, in denen man den Rat von Ärzten aus
anderen Fachrichtungen benötigt, also ein Konsil einfordert. Ein klassisches
Beispiel ist die internistische Aufnahme eines Patienten mit
Oberbauchbeschwerden, bei dem sukzessiv eine Cholezystitis festgestellt wird,
und nun der Chirurg im Rahmen eines allgemeinchirurgischen Konsils befragt
wird, ob und wann die Gallenblase zu entfernen sei.
Aus Deutschland und
Frankreich habe ich noch in Erinnerung, dass Konsile bei den Konsiliarärzten
nicht besonders beliebt waren. Man
musste manchmal einige Tagen auf
Erledigung warten oder sogar mahnen, ehe sie erledigt wurden. Das empfand ich damals
als suboptimal, aber akzeptierte es, weil es doch Extraaufwand für den oft
überarbeiteten Konsiliararzt bedeutete.
In den USA ist die
Situation an meinem derzeitigen Krankenhaus eine ganz andere – Konsile sind
nicht nur völlig normal, sondern sehr erwünscht. So gibt es beispielsweise zwei
Pulmologiegruppen, die sich gegenseitig darum streiten, wer von mir und meiner Internistengruppe bevorzugt zu
konsultieren sei: Wir werden regelmäβig angesprochen und uns wird gedankt für jedes
einzelne Konsil.
Die Pulmologen geben uns
ihre Privatnummer , um sie zu jeder Tages- und Nachtzeit bei Fragen anrufen zu
können, sie kommen selbst zur Nachtzeit – gerne wie sie versichern – ins Krankenhaus, um dringende Konsile zu
erledigen und sind einfach sehr nette und umgängliche Ärzte.
Hier besteht, genauso wie bei der Wahl des
Chirurgen, des Kardiologen, des Nephrologen, des Orthopäden und vielen anderen
Fachrichtungen die Qual der Wahl: Die meisten Gruppen sind fachlich sehr kompetent,
sehr aufgeschlossen und einfach sympathische und fleißige Ärzte, stets bereit, jedes Konsil zu erledigen
und dafür auch sehr dankbar. Sie schreiben dann jedes Mal auch ein Dankeschön
in ihre Konsilschreiben, das in etwa lautet “Wir wollen Dr. P. danken konsiliarisch
an der Behandlung des Patienten mitwirken zu dürfen und werden ihn gerne mit
Ihnen täglich visitieren”.
Der Grund dieser
Motivation ist wohl sehr banal ein monetärer. Denn jeder Konsiliararzt erhält
für ein Konsil bis zu $200; auch wenn manchmal ein unversicherter Patient oder ein
Medicaid-Patient sich darunter befindet mit entsprechender niedriger Vergütung,
aber die groβe Masse der Konsile ist gut bezahlt. Erst durch diese Konsile kann man
sich das schöne Leben des Spezialisten
in den USA leisten, der durchschnittlich um die 350.000 US-Dollar jährlich
verdient.
Aus Patientensicht ist
die US-Medizin besser: Hoch motivierte Konsiliarärzte arbeiten gerne Hand in
Hand mit den Internisten und Allgemeinchirurgen zu seinem besseren Wohl, und
die Kommunikation ist perfekt; interessanterweise erhält der Konsiliararzt auch
eine höhere Vergütung, wenn er sich direkt mit dem Internisten abspricht. In
den USA bleiben Konsile nicht lange liegen.
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