CE-Zertifikat: Sicherheitslücke für Medizinprodukte
Freitag, 26. Oktober 2012
Verbraucher haben sich in den letzten Jahren an das
CE-Zeichen auf vielen Verpackungen von Konsumartikeln gewöhnt. Hersteller
signalisieren damit, dass ihr Produkt europaweit die geltenden
Sicherheitsauflagen erfüllt. Auch viele Medizinprodukte tragen das CE-Logo.
Gelegentlich wird es mit einer TÜV-Plakette verglichen. Oft ist es der einzige
sichtbare Nachweis für eine Prüfung.
Wie leicht ein CE-Zertifikat zu erhalten ist, haben Reporter
der britischen Tageszeitung Daily Telegraph zusammen mit dem Britischen
Ärzteblatt jetzt in einer verdeckten Recherche gezeigt. Sie gaben sich als
Vertreter einer fiktiven chinesischen Firma aus und bewarben sich bei
verschiedenen Prüfstellen in Osteuropa um ein CE-Zertifikat für eine
Hüftendoprothese (TEP) mit Metall-Metall-Gleitflächen. Um ein CE-Zertifikat zu
erhalten, mussten die Reporter die TEP noch nicht einmal vorzeigen, geschweige
denn für eine technische Prüfung zur Verfügung stellen. Es reichte ein
schriftliches Dossier, das die Ergebnisse der vom Hersteller durchgeführten
Tests zusammenfasste.
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Was die befragten Prüfstellen zum Beispiel in Nova Dubnica
im Norden der Slowakei nicht wussten: Bei der vermeintlich neuen TEP handelte
es sich um das ASR™ Hüftsystem der Herstellers DePuy, das im August 2010 wegen
einer erhöhten Rate von Revisions-Operationen vom Markt genommen wurde. Das
hatten die Reporter verschwiegen. Sie hatten aber in ihrem Dossier ehrlich auf
das Problem des Metall-Abriebs hingewiesen. Doch das war der Prüfstelle in der
Slowakei egal. Wichtig war die Dokumentation. Nach Ansicht der dortigen
Mitarbeiter liege die Verantwortung für die Sicherheit ohnehin beim Hersteller.
Die Mitarbeiter gaben sogar Tipps, wie die Dossiers zu erstellen seien, um das
CE-Zertifikat zu erhalten (was eine verbotene Beratertätigkeit ist).
Sehr kooperativ waren auch die Mitarbeiter einer Prüfstelle
in Zlin in der Tschechischen Republik. Zitat: „Wir stehen hier auf der Seite
der Hersteller, nicht auf der Seite der Patienten“. In Zlin war man stolz auf
die hohe Erfolgsrate der Anträge von 90 Prozent.
Die Erteilung des CE-Zertifikats ist offenbar eine reine
bürokratische Angelegenheit, für die die Prüfstellen nach Recherchen der
Reporter Gebühren zwischen 2.750 und 50.000 Euro verlangten. Für Hersteller,
die sich zu dumm anstellen, gibt es in Asien inzwischen Dienstleister, die den
Herstellern, gegen eine Gebühr versteht sich, helfen, den „Reisepass“ für den
europäischen Binnenmarkt zu erhalten. Die Reporter haben eine solche Agentur in
Seoul aufgesucht. Sie warb mit einer 100-prozentigen Erfolgsrate, verlangte
dafür aber das Vierfache der Gebühren als Honorar.
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