Dr. werden ist nicht schwer...
Revolution: Rettung des deutschen Gesundheitswesens im Anmarsch
Mittwoch, 2. Januar 2013
Neulich bin ich erstmals seit geraumer Zeit wieder in einem
Regionalzug von einem Kontrolleur geweckt und auf eine korrekt gelöste Fahrkarte
überprüft worden. „Eigentlich ein normaler Vorgang“, mag man meinen. Das Besondere daran: Der Kontrolleur schob zugleich einen kleinen Servierwagen mit
Knabberkram und Getränken (als ich sah, welchen Wein der Wagen geladen hatte,
musste ich unwillkürlich über den „Kater“ in „Catering“ nachdenken). Zunächst
war ich irritiert und zückte einfach nur meine Fahrkarte. Nach kurzem Überlegen
freute ich mich jedoch, weil diesmal niemand mehr an jenem frühen Morgen direkt
neben schlafenden Fahrgästen „Kaffee?“ rufen würde.
Doch anstatt wieder einzuschlummern, verlor ich mich in
Gedanken. Wenn der (nennen wir ihn mal überholt) Schaffner noch einen
Müllbeutel an seinem Wagen anbrachte, könnte er auch noch den gelegentlich
gesichteten Mülleinsammler ersetzen. Ein Notizblock würde aus ihm einen
Datensammler für die Fahrgastforschung machen. Und der Freiraum im
Zugführerbereich könnte als Stauraum genutzt werden, und der Zug könnte die
Packstationen deutscher Bahnhöfe miteinander vernetzen.
Soweit, so verstörend. Aber wirklich entgeistert war ich
erst, als ich dieses Prinzip auf meine Arbeit übertrug. In Zeiten, in denen
Kliniken anstelle des realen Arbeitsaufwands Fallzahlkoeffizienten zur Berechnung der richtigen Ärztezahl heranziehen,
um selbst in einer profitablen Abteilung mit wachsenden Fallzahlen und steigendem
Case-Mix-Index Stellen zu streichen, sind derartige Aufgabenbündelungen nicht
mehr fern.
Demnach stelle ich mir die Visite im Jahr 2015 in etwa so
vor:
Die Ärzte beginnen den Arbeitstag gemeinsam mit der
Pflegefrühschicht. Zur Visite, die ebenfalls um mindestens eine Stunde
vorgezogen wird, führen die Ärzte neben einem Verbandswagen auch einen Wagen
mit Waschmaterial und den Frühstückswagen mit. Während also nun der Chefarzt und
ein Oberarzt den Patienten zu seinem
Wohlergehen befragen, über Befunde und Procedere aufklären und alles penibel
für den MDK in der Kurve dokumentieren, bearbeiten die übrigen Mitvisitierenden
den Patienten in Boxenstoppmanier von allen Seiten.
Schnell unter den Achseln
waschen, Thermometer drunter, Pflaster ab, Klammern raus, desinfizieren, neues Pflaster
drauf, Frühstück auf den Ausklapptisch und auf zum nächsten Patienten. Der
ganze Vorgang darf nur so lange dauern, bis das Thermometer piept. Somit
bekämen fiebernde Patienten auch mehr Zuwendung. Ein eigentlich gar faires
System.
Wie sich das Personal, das den Patienten vielhändig in
Formel-1-Reifenwechselzeit versorgen soll, zusammensetzt, kann der Fantasie
überlassen werden. Hat die Abteilung noch Assistenten? Gibt es in dieser
Schicht noch examiniertes Pflegepersonal? Vermutlich wird der Verbandswechsel
an einem Oberarzt hängenbleiben. Das Waschen kann ebenso wie das Frühstück eine
unbezahlte Kraft erledigen. Somit hält man der Pflege den Rücken frei, um das
Stationstelefon zu beantworten, Patienten durchs Haus zu schieben oder
Röntgentüten, von denen man immer noch nicht ganz weggekommen ist, zu suchen.
Hatte nicht mal einen Kaffee, in dem etwas hätte sein
können, das solche Gedanken erzeugt,
Euer Anton Pulmonalis
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