Vom Arztdasein in Amerika

Unterschiede zwischen dem Gesundheitssystem der USA und anderer OECD-Länder

Montag, 21. Januar 2013

Das US-Gesundheitssystem ist anders strukturiert als das vieler anderer OECD-Länder. Deshalb ist ein Vergleich mit dem norwegischen oder deutschen Gesundheitssystem schwierig – sozusagen Äpfel mit Birnen. Das vergessen die überwiegend europäischen Kritiker, wenn sie mit erhobenem Finger auf vermuteten Reformbedarf in den USA verweisen. Einen guten Überblick über wesentliche Unterschiede gibt Victor Fuchs in seinem JAMA-Artikel (Fuchs VR: „How and why the US health care differs from that in other OECD countries”, JAMA 309 (1): 33-34).

Ein wesentlicher Unterschied liegt beispielsweise in der Mentalität der US-Amerikaner gegenüber einem starken Zentralstaat und Staatsinterventionismus: Der US-Bürger ist historisch als auch kulturell bedingt deutlich staatsskeptischer und individualistischer veranlagt als die Bürger vielen anderer OECD-Länder. Es verwundert daher nicht, dass in den USA nur 46% der Gesundheitsausgaben, im OECD-Durchschnitt jedoch 75% aller Gesundheitsausgaben vom Staat getragen werden. Krankheit bei einem Erwachsenen wird in den USA viel stärker als individuell verursachter Zustand angesehen und weniger als Schicksalsschlag, für den der Staat Hilfe bieten muss.

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Weiterhin ist die US-Bevölkerung deutlich heterogener als die der meisten OECD-Länder. Dadurch sind gesellschaftliche Kohäsionskräfte schwächer ausgeprägt und ein universales Gesundheitssystem schwieriger durchzusetzen: Man fühlt sich einem religiös, ethnisch, sprachlich oder kulturell anders orientiertem Bürger gegenüber weniger stark verpflichtet; in den skandinavischen Ländern ist beispielsweise das Sozialsystem unter anderem wegen der historisch bedingten hohen Homogenität so kohärent und stark.

Darüber hinaus weist die USA eine deutlich höhere Technologiedichte und innovativeren Einsatz neuartiger Medikamente auf. So bietet Groβbritannien in seinem staatlichen NHS-System eine aus US-Sicht eher rudimentäre Basisversorgung an, bei der der Zugang zu Technologien und neuesten Medikamenten deutlich restriktiver gehandhabt wird als in den USA. Es bleibt zwar unklar, inwieweit das technologieaffine US-Modell statistisch signifikant höhere Überlebensquoten bedingt, aber sowohl in der MRT-Dichte, dem Einsatz operativer Robotertechnologie als auch der Anwendung neuester Medikamente ist das US-Gesundheitssystem klar führend.

Zu vergessen ist auch nicht, dass die Ausstattung der US-Krankenhäuser deutlich luxuriöser und auf Privatsphäre ausgerichtet ist als in der Mehrzahl der OECD-Länder – das Einzel- oder maximal Doppelzimmer ist ganz klar die Regel, kabelloses Internet, Mehrfachgängemenüs, Tageszeitungen, Flachbildschirme usw. sind ubiquitär und nicht nur Privatpatienten vorbehalten wie beispielsweise in deutschen Krankenhäusern.

Leserkommentare

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Andreas Skrziepietz
am Dienstag, 22. Januar 2013, 09:48

Weil die Armen dümmer sind?

H4-Empfänger sind ja auch übergwichtiger als Bewerverdienende. Eigentlich müßte es umgekehrt sein.
Bruddler
am Montag, 21. Januar 2013, 22:43

Tja, warum sterben die armen US Amerikaner bloss so früh?

Gourmetmenü, Robodoc, und-was-weiss-ich-noch-was...
Das kommt mir vor wie der ratlose Flugzeugkonstrukteur: "Jetzt habe ich Schwimmflossen d'rangebaut, ein Rolf-Benz-Sofa d'rin, Blaulicht auf dem Dach, Metalliclackierung und Innenfutter aus feinster Seide. Aber das Flugzeug fliegt immer noch nicht. Warum nur, warum?

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Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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