Gesundheit
Musiknoten als Halluzinationen
Montag, 8. April 2013
Halluzinationen, die als Positivsymptome der Schizophrenie
bezeichnet werden, sind weder positiv für den Patienten noch sind sie Ausdruck
einer positiv-produktiv gesteigerten Fantasie. Sie sind eher Negativerlebnisse
eines in der Funktion gestörten Gehirns. Dies zeigen auch die ungewöhnlichen
Manifestationen, die der Neurologe Oliver Sacks jetzt in Brain vorstellt (und
dessen Lektüre denen empfohlen werden kann, die die Aneinanderreihung von
neurologische Kuriositäten in den Bestsellern von Sacks zu ermüdend finden).
Sacks stellt acht Patienten vor, die (nicht nur in Büchern,
sondern auch auf Wänden) Musiknoten dort sehen, wo keine vorhanden sind. Sieben
der acht Patienten waren Musiker (als Laie oder Profi). Sacks führt die
Halluzination entweder auf Erkrankungen des Gehirns (und bei einigen auch der
Augen) zurück oder auf hypnopompische und hypnagogische Phänomene, zu denen es
bei der Übergangsphase zum Schlaf kommt (der ja ebenfalls angefüllt ist von
Sinneswahrnehmungen, denen keine nachweisbare Reizgrundlage zugrunde liegt,
nämlich den Träumen).
Die Pathogenese der Halluzinationen erinnert ein wenig an
den Phantomschmerz des Amputierten, der auch Dinge empfindet, die nicht
vorhanden sind. Das Gehirn scheint in beiden Fällen dazu zu neigen, die Leere
mit vorhandenen Informationen zu füllen, die noch im Gehirn vorhanden sind.
Dabei entsteht allerdings selten etwas künstlerisch Wertvolles. Auch bei den
praktizierenden Musikern unter Sacks Patienten fügten sich die Noten nicht zu
neuen Kompositionen, es waren mehr oder weniger sinnlos Anhäufungen von
zufälligen Notensignalen.
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