Vom Arztdasein in Amerika
Zeugnis vom Krankenhaus
Dienstag, 30. April 2013
Während in Deutschland
fast regelmäβig darüber gestritten wird, ob und ab welchem Alter Zeugnisse an den
Schulen vergeben werden oder Kinder sitzen bleiben sollen, ob
Leistungsnachweise überhaupt einen Sinn haben, kennt man solche Hemmungen in
den USA nicht. Die USA ist eine Leistungsgesellschaft.
In diesem Kontext erhielt ich kürzlich
einen dreiseitigen Ausdruck auf dem Spalte um Spalte meine ärztliche Jahresleistung
mittels Statistiken festgehalten worden war. Das Krankenhaus, so wurde mir im Begleitschreiben mitgeteilt, wolle mir meine
Arbeitsleistung des zurückliegenden Jahres vermitteln und gratulierte mir zu
meiner kontinuierlich exzellenten und patientenzentrierten Medizin. Ich bin mir
sicher, dass jeder Arzt solch einen schwülstigen Brief erhielt – aber ein wenig
geehrt fühlte ich mich schon angesichts des Tones.
Ganz oben auf jenem
Zeugnis – Titel war „ärztlicher Leistungsbericht“ – stand meine
Mortalitätsquote, die gerundet bei 0% lag. Dafür erhielt
ich die Höchstnote, abgebildet im dreigliedrigen Notensystem des Krankenhauses
als ein dickes grünes Pluszeichen. Darunter
folgte meine Komplikationsquote, meine durchschnittliche Verweildauer, die Zahl
der kriterienadäquat behandelten Herzinfarkte, die Zahl der Wiederaufnahmen und
so weiter… Alles schöne grüne Pluszeichen.
Es war eine lange Liste, drei volle Seiten
und knapp neunzig Kategorien mit entsprechend vielen Einzelnoten umfassend. Jene Felder, die eben nicht grün unterlegt sondern
ein gelbes 0-Zeichen enthielten (z.B. die Kategorien blutkatheterassoziierte
Infektionen oder MRSA-nosokomiale Infektionen) oder vor allem jene eine Spalte
mit einem rotunterlegten groβen Minuszeichen (Kategorie krankenhausbedingte
Harnwegskatheterinfektionen) ärgerten mich und blieben mir im Gedächtnis.
Das Ziel dieses
Zeugnisses ist natürlich klar: Es soll uns Ärzte animieren besser zu werden.
Das ärztliche Verhalten wird seitens der Verwaltung genau festgehalten und analysiert;
durch Rückkopplungseffekte an uns erhofft sich das Krankenhaus eine Veränderung
unseres Verhaltens, sodass es weniger Infektionen, eine
noch bessere Überlebensquote und noch zufriedenere Patienten gibt. Indirekt erhofft sich natürlich das Krankenhaus einen Einspareffekt
und höheren Profit. Das Krankenhaus profitiert vom Arzt als Strebertyp, jener
Typus Mensch, der ungerne schlechte Noten erhält. So kann man hochintelligente
Menschen eben doch lenken.
Leserkommentare
Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.