Die
US-Ärzteschaft ist erstaunlich altmodisch in ihrem Arbeitsethos. Ganz
selbstverständlich werden 24- oder 36-Stundenschichten oder
Bereitschaftsdienste, die tage- oder gar wochenlang ununterbrochen zu leisten
sind, absolviert. Ich bin mittels Piepser und Mobiltelefon oft auch nach auβerhalb
meiner Arbeitszeit für Patientenfragen zu erreichen und verbringe Teile meiner
freien Tage im Büro und Krankenhaus für allerlei Patientenangelegenheiten. Die
Arbeit macht viel Spaβ, ist aber sehr intensiv.
Uns
Ärzte in den USA überraschen angesichts unseres Arbeitsfeldes daher die
Diskussionen der sogenannten Generation Y in Deutschland. Die Frankfurter
Allgemeine Zeitung (FAZ) hat mit ihrem Artikel “Frage als Erstes, was man für
Dich tun will” erneut einen kurzweiligen Versuch unternommen, dieses diffuse Thema
darzustellen.
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Es geht in jenem Artikel um die häufig in
der Generation Y – also jene Menschen, die nach 1980, bzw. 1985 geboren sind – anzutreffende
Meinung, dass nicht der Mensch sich nach dem Beruf, sondern der Beruf sich nach
dem Menschen zu richten habe. Es handelt sich also um eine genuine
ich-zentrierte Sicht. Manche Mitglieder der Generation Y, die mittlerweile als Jungärzte
tätig sind, haben diese Geisteshaltung weiterhin verinnerlichert und empfinden ihre
Arbeitskraft und –zeit als derart wichtig, dass sie von ihrem Arbeitgeber ein starkes
Entgegenkommen auf ihre Bedürfnisse erwarten. Sie wollen in ihrem Leben die
Balance zwischen Konsum, Freizeit, Einkommen und Arbeit so tarieren, dass sie
mit einem dauernden Wohlgefühl durch diese Sphären schweben, oft zuungunsten
der Arbeit.
Ich habe den Text meinen US-Kollegen
übersetzt und eine rege Diskussion als Antwort erhalten. Aus der Warte dieses
eingangs von mir als altmodisch titulierten Arbeitsethos in den USA fragen wir
uns, ob der Arztberuf überhaupt die Möglichkeit eines derart ich-fixierten
Generation Y-Gehabes zulässt. Ist es nicht unethisch, wenn die Gesellschaft viele
Ressourcen in Form von 10 bis 15 Jahren Ausbildungszeit (subventioniertes
Medizinstudium, daran anschlieβende Anleitung durch Fach- und Oberärzte)
investiert, nur damit der Arzt im Anschluss nur noch einen Teil seiner
Arbeitskraft in Teilzeit einsetzt? Ist es nicht unmoralisch angesichts eines
Arztmangels auf Schichtmodelle zu bestehen, im Wissen dass somit die eigene
Arbeitskraft kranken Menschen entzogen wird und ggf. Menschen dadurch zu
Schaden kommen? Wieso sind manche Ärzte der Generation Y derart egoistisch?
Man merkt, dass ich nunmehr mehr als zehn
Jahre in den USA gelebt und gearbeitet habe; meine Arbeitshaltung ist
konservativ. Ich steh aufgrund meines Alters der Generation Y altersbedingt
nahe, bzw. bin Teil von ihr, habe aber mental eine andere Einstellung. In den Y-Diskussionen
wird meines Erachtens nach zuviel “Ich” und zu wenig “die
Patienten” gesagt.
Leserkommentare
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Lieber Blogger, ich kann die Unterstellungen meiner Generation gegenüber hier nicht hinnehmen. Erstens sind wir keine Egoisten. Sicher haben sich die Werte der Generationen stark verändert. Aber unseren Wunsch nach einem zufriedenen Berufsleben, familärer, sozialer und vielleicht politischer Selbstverwirklichung mit Egoismus gleichzusetzen, finde ich fatal. In der ZEIT ist im März ein sehr lesenswerter Artikel genau zu diesem Missverständnis erschienen: http://www.zeit.de/2013/11/Generation-Y-Arbeitswelt Und weil wir unsere Patienten gut und zufrieden behandeln wollen, auch mit einem hohen menschlichen Anspruch, der unter dem zunhemenden Druck durch Privatisierungen im Gesundheitssystem leidet, brauchen wir Zeit für uns, so wie jeder Mensch, der einen "normalen" Beruf hat. Zweitens halte ich es auch für wenig sinnvoll, Schicht- oder Teilzeitmodelle zu einzudämmen, würde man diese nicht bieten können, würde sich ein Elternteil vielleicht komplett dem Arbeitsmarkt entziehen, weil das bequemer wäre. Drittens sollten wir, wenn wir Schwierigkeiten haben, die Versorgung in Deutschland, durch Verteilungsprobleme oder wodurch auch immer entstanden, sicher zu stellen, nicht viel eher darüber nachdenken, wie wir den Arzt entlasten können, technische Innvoationen und Personal sinnvoll einsetzen und nicht auch mal zukunftsweisend anzweifelnd, ob das Konstrukt Landarztpraxis zukunftsfähig ist? Vielleicht sollten sich die amerikanischen "heldenhaften" Ärzte lieber zu ihrem eigenen Wohle ein bisschen was abgucken, statt uns nur zu belächeln. Ich denke, davon hätte der Arzt als Mensch und seine Patienten etwas!
Ich kenne die Arbeit in den USA aus Famulaturen, habe dort gelebt und kann die amerikanische Einstellung nachvollziehen. Aber man kann Länder immer nur im Gesamtpaket vergleichen und nicht einzelne Teile rauspicken. Betrachte ich mir den Stellenwert (Wertschätzung und Geld), den ein dem Fach oder Oberarzt vergleichbarer Job an einer amerik. Uni-Klinik mit sich bringt, wäre ich evtl. auch bereit, länger zu arbeiten etc... In Deutschland gelten aber eben für nach Tarif angestellte Ärzte an Angestellte, mit allen Rechten und Pflichten wie andere. Wir erleben es ja immer wieder, dass die Wertschätzung gering ist...dann kann man von mir nicht einen übertriebenen Berufsethos erwarten. Wer mich wie einen Angestellten behandelt, bekommt ihn: im Gesamtpaket. Der Arbeitgeber hat es doch ganz einfach: er kann jedem angestellten Arzt auch einen außertariflichen Vertrag anbieten und ihn in Chef nennen, dann gilt das Arbeitszeitgesetz nicht mehr. Passiert auch in einigen Kliniken, dort in man dann CA, OA, AA und PJ in einem, denn man ist der Einzige. Aber solange man von Verwaltungsseite betont, dass man ja "auch nur ein Angestellter" ist, der genauso wenig oder viel wichtig ist, wie alle anderen, bekommt er eben das: einen Angestellten, der seine Rechte wahrnimmt.
Die Generation Y ist also nur die logische Konsequenz, sich als genau das zu definieren wie man behandelt wird.
Wenn der Beruf Spass macht, empfindet man eine über die Norm hinausgehende Arbeitszeit häufig nicht als Belastung. Das ist ja auch schön. Im System vorgesehene 168- Stundendienste auf sich zu nehmen, sollte allerdings zur Frage nach der Verantwortung für das eigene Tun führen. Da kann auch falsch verstandenes amerikanisches Heldentum als führendes Motiv dahinter stecken.
.. die Arbeitskraft eines Arztes derart abzuschöpfen, dass für die eigene Persönlichkeit nichts mehr übrig bleibt. Nach seiner Pensionierung steht dieser Arzt dem normalen Rest-Leben nach 67 Jahren orientierungslos gegenüber. Dies wurde von den Kliniken von 1950 bis ca. zur Jahrtausendwende oft schamlos praktiziert. Inzwischen ist in Deutschland für Ärzte aus dem Anbietermarkt ein Nachfragemarkt geworden. Um einen qualifizierten, engagierten, Deutsch sprechenden Arzt zu bekommen, muss die Klinik heute etwas anbieten. Früher hörte man öfters: "Auf Ihren Platz warten ... " Jedem jungen engagierten Arzt empfehle ich, die Softskills wie halbwegs korrekte Arbeitszeit, verlässliche Urlaubsplanung, korrekte Vertretung, kontinuierliche Fortbildung einzufordern.
Das Argument der moralischen Verpflichtung gegenüber unserer Gesellschaft für das teure Studium über Gebühr Leistung zu erbringen ist unzulässig:
1.) Nach langen Studium und freiwilligem Militärdienst erhielt ich mein erstes Geld mit 27 Jahren, das heute Hartz-IV-Kriterien entsprach. Mein Freund, der Dachdecker, hatte da schon ein eigenes Haus, mit Frau und Kindern. Das BAFÖG durfte ich später komplett zurückzahlen. 2.) Das Studium mit Top-Examen bekommt man nicht geschenkt. 3.) Die Gesellschaft ist zwingend auf uns angewiesen.
Trotz Generation-Y sehe ich derzeit noch keine Besserung. Ich sehe von Seiten der Presse ständige Diffamierungskampagnen, Kriminalisierungsversuche trotz gegenteiliger Gerichtsurteile, Verknappung der Arbeitsmittel im stationären wie ambulanten Bereich.
Ich freue mich jetzt schon darauf, wenn die überwiegend weiblichen Studienjahrgänge (bis zu 90%) mit ihren spezifischen Forderungen die derzeit noch herrschende männliche Verwaltungs- und Chefarzt-Welt unserer alten Generation dominiert.
Dr. Wolfgang Hasler Seit 30 Jahren glücklicher Landarzt
... auch durch zuviel ärztliche Arbeitskraft kommen Menschen zu Schaden. Das ist eines von vielen Zitaten aus dem British Medical Journal: Overly aggressive treatment is estimated to cause 30 000 deaths among Medicare recipients alone each year.
wenn die gesellschaft einem teil ihrer mitglieder verbietet, geld zu verdienen, was in den usa ja nicht der fall ist. schuld hat u.a. der engländer ("große chance für junge mediziner").
Vom Arztdasein in Amerika
Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Petrulus über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.
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