Persönliche Anmerkungen I – Patiententzentrierte Medizin
Dienstag, 21. Mai 2013
Da war er also, jener
Begriff, der allenthalben in den USA die Runde macht und der uns hiesigen
Ärzten zunehmend entgegengeschleudert wird: „Patientenzentrierte Medizin”. Ich
hörte ihn kürzlich zum ersten Mal in einem deutschen Radioprogramm, um dann
wenig später von einem FAZ-Autor einen Artikel zum Thema zu lesen (http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/aerzte-kampagne-der-herr-doktor-hat-keinen-der-ihn-mag-12188076.html).
Es geht eben auch in Deutschland zunehmend darum, wegen allerlei Gründen patientenzentrierte
Medizin betreiben zu müssen. Doch wissen wir als Ärzte oder weiβ der Nichtmediziner überhaupt, um die Komplexität
und Problematik dieses Themas?
Am Begriff haftet zweifellos
eine moralisch-positive Konnotation: Es soll hiermit dargestellt werden, dass man
aus der dunklen Ära eines arzt- oder pflegezentrierten Modells in eine helle
Ära eines auf den Patienten ausgerichteten Modells übergegangen sei. Es baut gegenüber dem Arzt eine Art Bringschuld auf. Ein mündiger und aufgeklärter Patient sitze
heutzutage selbstbewusst und mit modernen Technologien ausgestattet (primär das
Internet) dem Arzt und Pfleger gegenüber mit der Erwartung, alle Informationen zu
erhalten, damit er über die Therapie und Diagnostik entscheiden könne. „Individualtherapie”
wird das dann genannt, so als hätte es früher wohl im Umkehrschluss vor allem
Kollektivtherapien gegeben.
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Wenig überraschend wird
in den USA in diversen Kommunikationsseminaren geraten, die Patienten
beispielsweise bestimmen zu lassen, ob beim festgestellten Lungenkarzinom eine
Resectio, Radiatio oder Hospiz adäquat sei. Der Arzt
ist maximal Berater. Oder: Ein 57-jähriger Mann, so schlagen US-amerikanische
Leitlinien es vor, soll aufgeklärt werden über die Vor- und Nachteile des
PSA-Krebsvorsorgebluttests. Weiterhin: Die 49-jährige Frau soll nicht die
Mammographie verordnet, sondern nach intensiver Beratung angeboten bekommen. Die
Details in der Sprache sind klar erkennbar.
Doch zunehmend werden
Bedenken in der Ärzteschaft geäuβert: War es früher wirklich so, dass die
Krankenversorgung den Patienten nur peripher wahrnahm? Waren
all die 36-Stundenschichten, die Hausbesuche und die dauernde Rufbereitschaft
der Rettungssanitäter und Hausärzte nur Selbstzweck? Wollen Patienten
medizinische Entscheidungen bis in jedes Detail hinein fällen oder sind viele
nicht damit überfordert? Haben viele
überhaupt die notwendige Bildung hierzu?
Ist der Mehraufwand des
Arztes bezahlbar in einem immer teurer werdenden Versorgungssystem? Darf ein
Patient, der die Gesundheitsleistung selber nicht bezahlt, sondern dieses dem von
ihm nur indirekt unterstützten Kollektives „Krankenversicherung” überlässt,
überhaupt solche Maximalkonsultation einfordern? Wie sieht patientenzentrierte
Medizin in Notfallsituationen aus?
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In Ulm vor über 30 Jahren zur Zeit von Herrn Üxküll war es DAS Schlagwort schlechthin. Wir haben als Studenten in vorklinischen Semestern bereits geübt, wie man Anamnesen erhebt und die Patienten - rein emotional - in ihrer Krankheit begleiten kann.
Der Autor schreibt am eigentlichen Thema vorbei. Wenn Patienten sich zunehmend andere Informations- und Beratungsquellen als den behandelnden Arzt suchen, dann hat das Gründe. Und einer dieser Gründe heißt Vertrauensverlust. Die deutsche Ärzteschaft verschließt gerne die Augen davor, dass Dinge wie Organspendeskandal, straffreie Korruption, Abrechnungsbetrügerein, unnötige Operationen, Verschweigen von Fehlern und nicht zuletzt die immer noch nicht ausgestorbene Überheblichkeit mancher KollegInnen Folge haben. Die meisten Menschen in Deutschland haben das Gefühl, grundsätzlich eine sehr gute Medizin bekommen zu können, nur wissen Sie nicht, ob Sie Ihrem Arzt noch hundertprozentig vertrauen können. Vielleicht wird es bald Beratungsärzte geben, die nicht diagnostizieren oder therapieren, sondern für Patienten unabhängig die Steuerung der Behandlung übernehmen.
Vom Arztdasein in Amerika
Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Petrulus über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.
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