Schlaf-Apnoe: Bessere Schulnoten durch Mandeloperation?
Mittwoch, 22. Mai 2013
Auch Kinder können an einem obstruktiven Schlafapnoe-Syndrom
(OSA) erkranken. Die Ursache ist wie im Erwachsenenalter häufig Übergewicht
oder Fettleibigkeit. Eine nahe liegende Behandlung wäre eine Diät. Häufiger
führt der Weg aber in die Praxis eines Hals-Nasen-Ohren-Arztes, der dann die
Entfernung der Rachenmandeln – und der Gelegenheit halber auch gleich der
Gaumenmandeln – vorschlägt. Die Adenotonsillektomie wird in den USA jedes Jahr
bei 530.000 Kindern durchgeführt, zu mehr als 70 Prozent lautet die Indikation
OSA. Den Eltern wird die Operation häufig mit dem Versprechen nahe gelegt, dass
sich das Verhalten der Kinder und vielleicht auch die schulische Leistung
verbessern.
Dies war auch die Rationale der Childhood Adenotonsillectomy
Trial (CHAT). Die Studie randomisierte an sieben US-Kliniken 464 Kinder mit OSA
im Alter zwischen 5 und 9 Jahren auf eine sofortige Adenotonsillektomie
(innerhalb von vier Wochen) oder auf eine abwartende Haltung (watchful
waiting). Primärer Endpunkt war die Entwicklung von Aufmerksamkeit und
exekutiven Funktionen im NEPSY-Test, einer Standarduntersuchung zur
neuropsychologischen Entwicklung von Kindern im Alter von 3 bis 16 Jahren. Der
Score liefert Werte zwischen 50 und 150, wobei höhere Werte eine bessere
kognitive Funktion anzeigen.
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Doch wie das Team um Susan Redline vom Brigham and Women’s
Hospital in Boston jetzt auf einer Tagung der American Thoracic Society in
Philadelphia (und in der Publikation im New England Journal of Medicine 2013;
doi: 10.1056/NEJMoa1215881) feststellen musste, hatte die Adenotonsillektomie
keine Auswirkungen auf die Ergebnisse im NEPSY-Test. In beiden Gruppen kam es
zu einer leichten Verbesserung, der Unterschied war aber weder statistisch
signifikant noch klinisch relevant.
Ein Vorteil durch die Adenotonsillektomie war in diesem
Punkt auch nicht unbedingt zu erwarten. Denn die Kinder hatten bereits vor
Studienbeginn durchschnittliche Werte im NEPSY-Test. Mit anderen Worten: Aus
psychiatrischer Sicht bestand eigentlich kein Grund zur Operation. Da aber
nicht sein kann, was nicht sein darf, wurde in sekundären Endpunkten nach
Erfolgen gesucht.
Gefunden wurden sie dann in der Conners’ Rating Scale, einem
Diagnose-Test für Aufmerksamkeitsdefizite (ADHS), und im Behavior Rating
Inventory of Executive Function (BRIEF), der die exekutiven Funktionen, sprich
Verhaltens- und Lernstörungen, bewertet. Die Verbesserungen waren allerdings
minimal, so dass die Eltern hier nicht allzu große Erwartungen haben sollten.
Echte Tests zur Kognition wurden gar nicht durchgeführt, und man darf
bezweifeln, dass sich die Operation günstig auf die Schulnoten ausgewirkt hat.
Verbesserungen gaben sich allerdings im Schlafverhalten der
Kinder. Ohne das Hindernis der Rachenmandeln kam es häufiger zu einer
Normalisierung der polysomnographischen Befunde. Ein erholsamer Schlaf ist
sicherlich ein erstrebenswertes Ziel, zumal die OSA im Erwachsenenalter ein
kardiovaskulärer Risikofaktor ist. Doch auch hier darf man am Sinn der Studie
zweifeln. Die meisten Kinder hatten eine milde OSA mit wenigen nächtlichen
Apnoe-Hypopnoe-Attacken. In der Regel wäre Zeit gewesen, die Ursache der
Erkrankung anzupacken und die Kinder, die zur Hälfte übergewichtig oder adipös
waren, auf Diät zu setzen. Dafür fehlte aber offenbar vielen Eltern die Geduld.
Ein Drittel hatte eine niedrige Schulbildung. Eine Operation
wird als schnelle Lösung vorgezogen, auch wenn sie unnötig und manchmal auch
riskant ist (wie Berichte über Blutungskomplikationen zeigen, die an den sieben
teilnehmenden Kliniken allerdings selten auftraten).
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