Dr. McCoy
Blauäugig
Mittwoch, 19. Juni 2013
Ich muss mich doch sehr wundern, wie blauäugig viele
Menschen sind. Seit Tagen nun schon greift die Aufregung um sich: Amerikanische Geheimdienste lesen unsere
deutschen E-Mails. Wie unanständig! Da muss die Kanzlerin aber mal mit dem
Präsidenten reden.
Was hatten denn all die, die jetzt empört tun (oder es gar
wirklich sind?) gedacht, womit sich Geheimdienste sonst beschäftigen? Etwa damit, Zettel mit Geheimtinte zu beschreiben, um sie dann über einer Kerzenflamme wieder sichtbar zu
machen? Haha.
Scherz beiseite. Noch schlimmer als die Empörung – ob nun
gespielt oder echt – sind die Vorschläge von deutschen Innenpolitikern aus
Regierung wie Opposition. Als Alternative zu Google (und anderen) sollen mit
einem „dreistelligen Millionenbetrag“ staatlicher Gelder deutsche oder europäische
Internetangebote entwickelt werden. Als Alternative. Zu Google!
Google hat einen Marktwert von rund 250 Milliarden Dollar, mehr als 50.000 Mitarbeiter und ist in vielen
Bereichen des Internet nahezu Monopolist. Solche Vorschläge sind also
schlichtweg naiv. Schlimm ist nur, dass sie von Politikern kommen, die in
solchen Fragen maßgeblich bestimmen, wie hierzulande die sog. Netzpolitik
aussieht.
Wenn es denn die Politiker so juckt, der deutschen
IT-Industrie Geld zu geben, hätte ich mal einen Vorschlag: Legen Sie doch ein
staatliches Förderprogramm für IT-Sicherheit im Gesundheitswesen auf. Denn hier
ist das Geld sicher gut investiert in Hard- und Software für Verschlüsselungs-
und andere Sicherheitstechnologie, die sich derzeit weder Krankenhäuser noch
Arztpraxen leisten können oder wollen.
Es fragt sich nur, ob dafür ein paar hundert Millionen Euro
reichen werden. Und ob irgendwer die Sicherheitsdefizite in der Gesundheits-IT
überhaupt öffentlich diskutiert haben möchte.
Wahrscheinlich liegen schon längst Patientendaten unverschlüsselt
in der Dropbox-Cloud und ich selbst bin mal wieder viel zu blauäugig.
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