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Dr. McCoy

Geisteskrank

Freitag, 7. März 2014

Aus gutem Grund sollte man sich – erst recht als Arzt – im Alltagsleben bei der Zuschreibung medizinischer Diagnosen gegenüber anderen Menschen in größter Zurückhaltung üben. Eigentlich sollte man dies generell unterlassen. Aber ich muss zugeben, dass mir beim Lesen eines Artikels von Focus Online (mit Bezug auf den britischen Guardian) genau das passierte: Mir entfuhr spontan der Ausruf „Geisteskrank!“.

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Und wenn ich recht darüber nachdenke, ich habe in der Tat meine Zweifel am Geisteszustand derjenigen, die – wenn es denn stimmt – offenbar das getan haben, wovon der Guardian berichtet: Mitarbeiter einer Unternehmensberatung sollen im Rahmen des Aufbaus der zentralen Patientendatenbank des britischen Gesundheitsdienstes NHS – offenbar zu Analysezwecken – massenhaft Patientendaten auf Server von Google (!) hochgeladen haben. Angeblich habe allein der Upload der auf 27 DVDs verteilten Daten der Hospital Episode Statistic (HES) „mehrere Wochen“ in Anspruch genommen.

Die schlauen Management Consultants scheinen auch wohl recht stolz auf ihre technische Meisterleistung zu sein. Der Guardian zitiert sie mit dem Satz: „Zwei Wochen nachdem wir angefangen hatten mit den Google-Tools zu arbeiten, waren wir in der Lage, innerhalb von Sekunden interaktive Karten aus Anfragen in der HES-Datenbank zu erzeugen“. Na Prima!

Also, entweder es handelt sich um rein administrative Daten, aus denen Rückschlüsse auf Individuen völlig unmöglich sind (was allerdings bei einer so großen Datenmenge bezweifelt werden kann). Selbst dann stellt sich aber immer noch die Frage, wie man dazu kommen kann, solche Daten – die ja immerhin der Öffentlichkeit gehören – einfach einem Privatunternehmen wie Google zum Fraß vorzuwerfen.

Oder aber die Daten sind in irgendeiner Weise patientenbezogen. Dann muss man wohl von einem echten Super-GAU sprechen. Denn es gilt: Getan ist getan. Die Daten waren bei Google, sind bei Google und werden dort bleiben. Und dann kann man eigentlich nur hoffen, dass die Untaten der schlauen Consultants eine entsprechende Würdigung durch die britische Justiz erfahren. Denn ein Versehen oder ein Unfall scheint ja wohl nicht vorzuliegen. Wohl eher ein Mangel an Sensibilität im Umgang mit personenbezogenen medizinischen Daten, der so profund, ja geradezu ungeheuerlich erscheint, dass man es schlichtweg kaum glauben kann.

Wer weiß. Am Ende werden die Verantwortlichen vor Gericht auf das plädieren, was – zumindest nach deutschem Strafrecht – vielleicht ihre einzige Rettung vor einer Verurteilung sein könnte: Schuldunfähigkeit wegen seelischer Störungen (s. §20 Strafgesetzbuch).

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Dr. McCoy

In seinem Blog – benannt nach dem Bordarzt von „Raumschiff Enterprise“ – kümmert sich Philipp Stachwitz weniger um ferne Galaxien, sondern er kommentiert, wie die Zukunft der Medizin durch Telematik und E-Health beeinflusst wird. Als Krankenhausarzt und ehemaliger stellvertretender Dezernent für Telematik der Bundesärztekammer kennt er die Materie gleichermaßen aus der Praxis wie auch aus der Politik.

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