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Vom Arztdasein in Amerika

Visite aufgezeichnet

Dienstag, 1. Juli 2014

Mobiltelefone und gerade auch die technologisch hochentwickelten Versionen, das „Smartphone”, sind weit verbreitet. Sehr viele besitzen mittlerweile diese multifunktionale Telefone und setzen sie für vielfältige Dinge ein: Als Mobiltelefon, Fernsehgerät, Fotoapparat, Videokamera, Kleinstlaptop, Spielekonsole, elektronisches Notizbuch, Lesegerät, Mikrofon mit Aufzeichnungsfunktion, Internetkonsole und vieles mehr. Ich selber besitze natürlich auch seit mehr als fünf Jahren ein „Smartphone” und habe es fast rund um die Uhr bei mir und werde sehr oft, häufig auch nach Dienstschluss, vom Krankenhaus hierüber angepiepst und –gerufen.

Wer in ein Restaurant geht, sieht bei vielen Gästen diese Geräte wie selbstverständlich auf den Tischen liegen, sieht wie Paare sich ihre Liebesgrüβe, aber auch ihre “ich-mache-Schluss”-Formeln hierüber zusenden, beobachtet Kinder beim Spielen hiermit und mittlerweile schlafen viele Besitzer damit auch im oder zumindest neben sich im Bett liegend ein, stets das Telefon griffbereit. Wenig überraschend haben auch viele Patienten und Patientenangehörige es bei der ärztlichen Vistie griffbereit.

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Seit einiger Zeit beobachte ich gehäuft wie vor allem Patientenangehörige meine Visite und Patienteninteraktion entweder als Audiodatei aufzeichnen, Bilder machen oder die Visite im Videoformat festhalten. Meistens fragen sie mich noch nicht einmal und plötzlich nehme ich wahr, dass das iPhone-Mikrofon an ist (erkennt man am Bildschirm) oder die Kamera auf mich gerichtet ist und meinen Bewegungen folgt. Ganz ehrlich: Das stört mich ungemein. Auch wenn der Grund ein hehrer sein mag – mir wird gesagt, dass meine Interaktionen für die nicht anwesenden Familienmitglieder des Patienten festgehalten wird – so empfinde ich das als Eingriff in die Privatsphäre des Patienten aber auch die meiner eigenen Person.

Doch wie soll man damit umgehen? Wie verhindern, dass heimlich die Interaktion aufgezeichnet wird? Wie reagieren, wenn man gefragt wird ob die Visite festgehalten werden darf? Im Kollegenkreis herrscht keine Klarheit, wenngleich die Mehrheit mir beipflichtet und das Aufnehmen der Visite als störend wahrnimmt und verbietet. Aber andere, die sich als progressiv und modern geben, sehen dieses Verhalten als normal und legitim an und verstehen meine Irritation nicht. Mir graut es schon davor, wenn die ersten Google-Brillen im Krankenhaus auftauchen, leider nur eine Frage der Zeit.

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Patroklos
am Montag, 14. Juli 2014, 15:01

Datenschutz?

So etwas sollte man schon aus eigenem Interesse wegen der offensichtlichen Möglichkeit, dem Arzt Fehler nachzuweisen, untersagen.
Da Sie keine Person des sog. Öffentlichen Lebens" sind, hätte in Deutschland niemand das Recht, Sie ungefragt während einer Visite in Bild und Ton aufzunehmen. Sind die Amerikaner wirklich so frei von irgendwelchen Gedanken an Persönlichkeits- oder Datenschutzrechte? Das würde mich wundern.

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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