Gesundheit

Missglückte Stammzellbehandlung: Nasenschleimhaut im Rücken

Montag, 21. Juli 2014

Stammzellen können sich in jede beliebige Zelle des menschlichen Körpers differenzieren. Dies soll der medizinischen Therapie neue Wege eröffnen. Die Behandlung birgt jedoch auch Risiken, wenn die Stammzellen sich nicht in die gewünschte Richtung bewegen. Die Folgen bekam eine junge US-Ameri­kanerin mit einer Querschnittslähmung zu spüren, die sich vor acht Jahren an einer Klinik in Portugal einer experimentellen Stammzelltherapie unterzog.

Am Hospital de Egas Moniz in Lissabon hatten Neurochirurgen nach einer Laminektomie die Dura oberhalb der Rückenmarkverletzung in Höhe von Th10 und Th11 eröffnet und mit einem Transplantat belegt, das sie der Patientin zuvor aus dem Riechepithel der Nase entnommen hatten. Dort befinden sich sogenannte „olfactory ensheathing cells“ (OEC), die Fasern des Riechnervens als Schwann-Zelle umgeben.

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Die Axone des Riechnerven können sich lebenslang erneuern, wobei den OEC die Aufgabe zukommt, die Zelltrümmer zu beseitigen und den nachwachsenden Axonen den Weg ins Riechepithel zu bahnen. Nach der Transplantation in den Rücken sollten die OEC den Axonen des Rückenmarks die Möglichkeit eröffnen, die Querschnittsläsion zu umgehen und damit langfristig die Verbindung mit den peripheren Nerven wieder herzustellen.

Dies ist bei der Patientin nicht gelungen. Auch acht Jahre nach der Stammzelltherapie ist sie quer­schnitts­gelähmt. Vor einem Jahr entwickelte sie plötzlich Rückenschmerzen. Die Ärzte in ihrer Heimat in Iowa City entdeckten in der Kernspintomographie eine intramedulläre Masse, die sie in einer Operation entfernten. Die histologische Untersuchung ergab, dass der Tumor aus verschiedenen Zellen der Nasenschleimhaut zusammengesetzt war. Neben Epithelien, submukösen Drüsen, Becherzellen und knöchernen Anteilen hatten sich auch kleinere Nervenzweige gebildet. Diese hatten allerdings keinen Anschluss an die Nervenfasern des Rückenmarks gefunden, sondern sich mehr oder weniger abgekapselt.

Die Stammzelltherapie muss deshalb auch auf biologischer Ebene als missglückt eingestuft werden. Das Ärzteteam um Brian Dlouhy von der Abteilung für Neurochirurgie warnt vor den Risiken von Stammzell­therapien, die immer häufiger auch außerhalb wissenschaftlicher Zentren angeboten werden und oft nicht ausreichend durch tierexperimentelle Studien vorbereitet sind. Der Fall zeigt einmal mehr, dass eine gutgemeinte Stammzelltherapie auch Risiken birgt. Für die Patientin ist es noch einmal gut gegangen. Sie erholte sich nach der Operation von ihren Rückenschmerzen. Die Hoffnung auf eine Heilung ihrer Querschnittslähmung musste sie allerdings aufgeben.

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