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Vom Arztdasein in Amerika

Inkompetente ärztlich tätige Krankenschwestern

Mittwoch, 23. Juli 2014

Über ärztlich tätige Krankenschwestern (ÄTK) habe ich in der Vergangenheit schon einige Male geschrieben: In den USA darf besonders geschultes Krankenpflege- und Krankenhauspersonal viele ärztliche Funktionen als ÄTK übernehmen. Dabei soll in den meisten Bundesstaaten ein Arzt sie bei der Arbeit überwachen und ähnlich wie ein Oberarzt für einen Assistenzarzt verantwortlich ist, so ist der Facharzt in den USA für die diagnostischen und therapeutischen Entscheidungen der ärztlich tätigen Krankenschwestern verantwortlich und mithaftbar.

In einem Krankenhaus im Süden Minnesotas helfe ich gelegentlich aus. In diesem arbeite ich zusammen mit einer ÄTK – morgens teilen wir uns die Patienten auf, d.h. ich visitiere meistens 50 bis 60 Prozent, sie 40 bis 50 Prozent der internistischen Patienten. Ich visitiere stets die Intensivstationspatienten und die schwierigeren Fälle, gebe der ÄTK die leichteren Fälle wie z.B. Patienten mit unkomplizierter Gastrointestinalblutung oder „einfacher” Lungenentzündung. Das mache ich, weil die Ausbildung zur ÄTK deutlich kürzer und vereinfachter ist als die zum Facharzt, das fachliche Niveau in der Regel unter dem eines Arztes liegt.

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Nun arbeite ich schon seit einem Jahr in diesem Krankenhaus und habe dadurch mit acht verschiedenen ÄTKs zusammengearbeitet. Das fachliche Niveau schwankt unter diesen sehr deutlich. So war eine ÄTK derart inkompetent, dass ich meistens 80 bis 90 Prozent aller Patienten visitiert habe und selbst die wenigen, die ich ihr zuteilte, noch mittels elektronischer Patientenakte abends nachvisitierte.

Das war sehr anstrengend, aber alle fanden, dass sie und ich besonders gut zusammen arbeiteten – wohl, weil ich bereit war, soviel ihrer Arbeit zu übernehmen. Aber es plagten mich Gewissensbisse gegenüber den Patienten angesichts ihrer Inkompetenz, und außerdem störte mich ihre Nonchalance, mit der sie in ihren vielen freien Stunden statt der eigenen Fortbildung nachzugehen, im Internet ihre nächsten Reisen plante, mit ihren Freunden telefonierte oder über mich lästerte, dass ich so ernsthaft sei und etwas aufgelockert werden müsse.

Letztendlich habe ich nach einigen Gesprächen mit ihr dann die Verwaltung angeprochen, auf ihre Inkompetenz hingewiesen, und sie verlor innerhalb von wenigen Tagen die Arbeitsstelle. Das machte mich zwar beim Pflegepersonal und den Patienten sehr beliebt, aber verständlicherweise war die ÄTK nur voll böser Worte mir gegenüber.

War das unkollegial? In einem gewissen Sinne ja, aber ich würde in der gleichen Situation ähnlich handeln. Die juristische, aber vor allem die moralische Pflicht, gebietet es – wir arbeiten mit kranken Menschen zusammen, und das verpflichtet.

Das aktuelle Dilemma ist, dass ich – im selben Krankenhaus – schon wieder mit einem ÄTK zusammenarbeite, der zwar nicht ganz so schlecht, aber dennoch grenzwertig inkompetent ist. Der bei einem Diabetiker das Insulin nicht anordnet, bei einer Lungenentzündung eine schlechte Antibiotikawahl trifft, bei komplizierten Patienten sich in Details verliert und das eigentliche Problem schlichtweg übersieht. Ihm fehlt das Fachwissen trotz mehrjähriger Berufserfahrung, und er versteckt das hinter Herzlichkeit, viel Witz, Humor und dem Einsatz wichtig klingender Begriffe wie z.B. „Breitspektrumantibiotika”, „kardiovaskuläre Optimierung” oder „Multiorgantherapie”, die aber bei Licht besehen nur leere Worthülsen sind.

Was also tun? Ich visitiere schon jetzt fast 70 Prozent aller Patienten und mache dies bei der Hälfte seiner Patienten auch noch gelegentlich mit. Außerdem fragt er mich mittlerweile bei jedem seiner Patienten fast täglich um Rat und drückt auch sein schlechtes Gewissen aus, dass er mich so oft „störe”, um im gleichen Atemzug die tolle Kollegialität zwischen ihm und mir zu preisen. Er zieht sowieso bald weiter gen Ostküste, und so werde ich wahrscheinlich nichts unternehmen.

Aber mittlerweile fällt mir schon auf, dass es zwar unter Ärzten durchaus fachliche Unterschiede gibt, aber vor allem unter ÄTKs zum Teil massive Qualitätsunterschiede bestehen. Wenn der Einsatz von zunehmend mehr ÄTKs die Zukunft des US-Gesundheitswesens wird, dann wird die Heterogenität, die in den USA in fast jedem Bereich anzutreffen ist, im Gesundheitswesen noch mehr zunehmen.

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Leserkommentare

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Dusty
am Sonntag, 3. August 2014, 21:25

@ThorM

Ich lese aus dem Artikel nicht, dass der Autor generell gegen dieses System ist. Vielmehr scheint es ein Qualitätsproblem zu sein, da keine Ausbildungsstandards vorhanden sind, die kompetente Mitarbeiter garantieren.
Ihr Kommentar scheint auf das immeraktuelle Konfliktthema Pflege-Ärzte hinweisen zu wollen. Das Problem ist vorhanden, ja. Aber ich habe beim Lesen des Artikels nicht den Eindruck, dass dies hier der Fall ist. Wenn man einen Kollegen hat, welcher sich seiner Inkompetenz nicht bewusst ist, dazu auch Hinweise nicht ernst nimmt und zu Veränderungen z.B. durch Nachschulung nicht bereit ist, ist ein konsequentes Handeln der anderen vollkommen richtig. Und die Klinik wird wohl kaum auf Hinweis eines Arztes einen Mitarbeiter entlassen, da wird man sich des Themas wohl angenommen haben.
Und zu ihrem Vergleich; es bringt dem Patienten nichts wenn eine erfahrene Pflegekraft einen jungen unerfahrenen Arzt an die Hand nimmt und anlernt und gleichzeit andernorts eine inkompetente Pflegekraft Patienten schädigt und sich seiner Handlungen nicht bewusst ist. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Man sollte Konfliktsituationen nicht mit anderen Konflikten begegnen.

Also bitte nicht immer die selbe Leier.
L.A.
am Dienstag, 29. Juli 2014, 12:56

Inkompetenz und fehlende Begabung

Darf man Negatives an Mitarbeitern überhaupt ansprechen? Das ist doch gegen die "Korrektheit" (hinter jeder Ecke lauert bekanntlich "Diskriminierung"...) !?
Mit der Forderung nach "Respekt" und "Wertschätzung" bringt man auch berechtigte Kritik zum Schweigen. Es ist Tatsache: Überall gibt es Wichtigtuer, Inkompetente, Überforderte.
Heure bleue
am Freitag, 25. Juli 2014, 08:44

Nein danke

Der Arztberuf wird ständig unattraktiver.
Verantwortung tragen für die Inkompetenz schlechter qualifizierter Mitarbeiter, nein danke.
Die armen Patienten tun mir leid.
ThorM
am Mittwoch, 23. Juli 2014, 22:08

Au weia

Vielleicht sieht der Autor das etwas lockerer, wenn er auch erkennt, wie erfahrene ÄTK sich mit unerfahrenen Ärzten jeden Tag auseinander setzten und deren Fehler korrigieren. Respektvoller und wertschätzender Umgang sollte in Lernprozessen selbstverständlich sein. Jeder hat mal mit dem Lernen angefangen, auch der deutsche Arzt im amerikanischem Krankenhaus. Vielleicht hat der Autor auch ein Problem damit, dass andere medizinische Berufe seine Tätigkeiten übernehmen. Hier wäre eine kritische Reflexion indiziert.

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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