Gratwanderung

Schweiz: Unbehagen der Ärzte am organisierten Suizid

Dienstag, 9. März 2010

Demnächst soll in der Schweiz über zwei Varianten zur Regelung der organisierten Suizidhilfe entschieden werden. Variante 1 sieht strengere Sorgfaltspflichten für die Suizidhilfeorganisationen vor, Variante 2 fordert ein Verbot solcher Organisationen. Die schweizerische Ärzteorganisation hat jetzt alle kantonalen Ärztegesellschaften um ihre Meinung zu diesen brisanten Vorschlägen gebeten.

Das Ergebnis dieser Umfrage zeigt, dass „der massive Einbezug der Ärzte in die organisierte Suizidhilfe auf tiefe Ambivalenzen stößt“. Grundsätzlich befürwortet zwar keine Organisation ein Verbot der organisierten Suizidhilfe, doch fast alle Ärztegesellschaften sehen einen grundsätzlichen Handlungsbedarf.

So fordern beispielsweise die Psychiater zu Recht, dass die Urteilsfähigkeit von einem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie beurteilt werden soll, da 90 Prozent der Menschen, die sich das Leben nehmen, an einer behandelbaren psychischen Krankheit leiden.

Und bemerkenswerterweise spricht sich auch gerade die Fachgesellschaft, die am meisten mit Menschen am Lebensende konfrontiert ist, nämlich die Fachgesellschaft für Geriatrie, gegen jegliche Mitwirkung von Ärzten bei  der Suizidhilfe aus.

Auch die Fachgesellschaft für Onkologie meldet berechtigte Bedenken an: „Wir sehen unsere Aufgabe grundsätzlich darin, durch unsere Maßnahmen das Leben auch in schwierigen Situationen zu erhalten und möglichst viel Freiheit zu bewahren.“

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Das deckt sich mit der Haltung des Präsidenten der Bundesärztekammer, der sich wiederholt dezidiert gegen Überlegungen ausgesprochen hat, „die ärztliche Hilfe zum Sterben salonfähig zu machen“. Seiner Ansicht nach ist jeder Suizidversuch und jeder Wunsch nach einem Suizid „immer auch ein Hilfeschrei". Dem ist nichts hinzuzufügen.

Ärzte sollen keine Sterbegehilfen sein, sondern vielmehr mit Hilfe der Palliativmedizin Menschen ein lebenswertes Leben bis zuletzt ermöglichen. Wenn sie Beihilfe zum Suizid leisten, ist dies nicht mehr weit von aktiver Sterbehilfe entfernt und mit ihrem Berufsethos nicht vereinbar. 

Quelle: Schweizerische Ärztezeitung, 2010; 91(9),333-4 (08.03.2010)

Leserkommentare

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adonis
am Dienstag, 16. März 2010, 07:48

Juristen, die Sache übertragen!!!

Wo braucht man dazu ärztliche Fähigkeiten? Jeder normale Mörder kann das durchführen. Die Juristen sind dazu also auch geeigntet und machen das auch juristisch korrekt.
advokatus diaboli
am Donnerstag, 11. März 2010, 07:43

Unbehagen ja - aber Handlungsbedarf!

Verehrte Frau Klinkhammer.

Selbstbewusst kommen Sie, nachdem Sie die Position der BÄK – allen voran des Präsidenten – eingeführt haben, sehr selbstbewusst zum Resümee: „Dem ist nichts hinzuzufügen“ und beziehen sich hierbei erkennbar darauf, dass insbesondere Herr Hoppe zu bedenken gibt, dass der „Suizidwunsch“ immer auch ein „Hilfeschrei“ sei.

Auch wenn diesbezüglich eine gebotene Differenzierung erforderlich ist, wird dem wohl aus grundsätzlichen Erwägungen heraus nicht zu widersprechen sein, wenngleich es eben auch auf die „Intention“ desjenigen ankommt, bei dem der Wunsch nach einem Suizid „aufkeimt“.

Und da wäre es denn auch hilfreich gewesen, nicht „nur“ Kernsätze aus dem Bericht der Schweizerischen Ärztezeitung zu zitieren, sondern vielleicht auch in einem BLOG die Möglichkeit zu nutzen, darauf hinzuweisen, dass immerhin innerhalb der schweizerischen Ärzteschaft sich ein heterogenes Meinungsbild ergibt und hierbei diskutiert und insofern auch die Überlegung angestellt wird, statt im Strafrecht das Problem im Rahmen eines Spezialgesetzes zu regeln.

Handlungsbedarf besteht allemal und in diesem Zusammenhang stehend muss dann m.E. für die hierzulande eher mittelmäßig geführte Diskussion durchaus darauf hingewiesen werden, dass eine breite Diskussion innerhalb der Ärzteschaft noch aussteht und im Übrigen die Verlautbarungen der BÄK – und dies betone ich ausdrücklich – nicht (!) die Meinungsvielfalt innerhalb der bundesdeutschen Ärzteschaft widerspiegelt, denn anders können die Umfragen bei den Ärzten nicht interpretiert.

Von daher unterliegt die BÄK einem ganz erheblichen „Irrtum“: Ein „wir sind gegen…“ beruht nicht auf einem Konsens, sondern dokumentiert zunächst nur den von der BÄK favorisierten Wunsch nach einem Konsens.

Es bedarf keiner ethischen Grunderziehung der verfassten Ärzteschaft und wir sollten die Entscheidung denjenigen überlassen, die sie ohnehin zu treffen haben: den Ärztinnen und Ärzte.

Der Diskurs über die Liberalisierung der ärztlichen Suizidbeihilfe wird dadurch behindert, dass die verfasste Ärzteschaft sich einer permanenten ethischen Bevormundung durch namhafte Vertreter auch ihrer Standesorganisationen ausgesetzt sieht und dies halte ich – mit Verlaub – auch als ein Externer für zunehmend unerträglich und im Übrigen auch für berufsrechtlich mehr als bedenklich.

Dies ist ein Aspekt, der uns offensichtlich nicht nur von den Schweizern, sondern auch von anderen europäischen Nachbarländern und den dortigen Kammer nachhaltig unterscheidet: Dort setzt man/frau völlig zu Recht auf die Gewissensentscheidung der Ärztinnen und Ärzte und nicht auf ein „Kammervotum“, dass für sich genommen - so wie im Übrigen das Arztethos auch keine Rechtswirkung - erzeugen kann.

Lutz Barth

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Von embryonaler Stammzellforschung bis Sterbehilfe – mit ethischen Themen vom Beginn bis zum Ende des Lebens werden Ärzte immer wieder konfrontiert. Gisela Klinkhammer, beim Deutschen Ärzteblatt zuständige Redakteurin für Medizinethik, setzt sich mit aktuellen Entwicklungen auseinander.

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