Gratwanderung

Deutscher Ärztetag: Klare Absage an aktive Euthanasie

Dienstag, 11. Mai 2010

„Sterben und Tod sind in den Konsumgesellschaften der Moderne tabuisiert. Macht und Materialismus werden glorifiziert. Wer diesem Zeitgeist nicht mehr folgen kann, der wird ausgegrenzt, ist allein und empfindet sich oft als Belastung“, sagte der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, auf der Eröffnungsveranstaltung des 113. Deutschen Ärztetages in Dresden.

Ganz bewusst wird er das Sterbehilfe und –begleitung wie in den Vorjahren als Thema für seine Ansprache gewählt haben. Denn es betrifft alle Ärzte. Diese sind oft verunsichert und werden auf klare Worte warten. Und Hoppe, der noch vor wenigen Tagen eine Überarbeitung der Grundsätze der Bundesärztekammer (BÄK) zur ärztlichen Sterbebegleitung angekündigt hatte, hat seine Meinung nicht geändert.

Er erteilte Legalisierung der Sterbehilfe eine klare Absage. Zu Recht betonte er, dass 95 Prozent der Menschen, die aus dem Leben scheiden wollen, an starken Depressionen leiden. Und so meinte er auch folgerichtig, dass das Selbstbestimmungsrecht zur Farce wird, wenn es durch gesellschaftliche Ausgrenzung und depressive Erkrankungen fremdbestimmt ist. 

Zwar ist ärztlich assistierter Suizid strafrechtlich nicht verboten. Doch in der Berufsordnung heißt es, dass diese Beihilfe zum Suizid ethisch nicht vertretbar sei, und das möchte Hoppe, obwohl er mit dieser Ansicht oft auf auch Unverständnis und sogar Kritik stößt, so belassen. „Es bleibt bei unserem ethischen Gebot, helfen im Sterben, nicht helfen zu sterben. Töten darf keine Option im therapeutischen Instrumentarium des Arztes sein“, betonte er in Dresden. 

Und das Patientenverfügungsgesetz sieht er ebenfalls durchaus kritisch: „Nun ist das neue Betreuungsrechtsänderungsgesetz zwar in Kraft, aber ob es wirklich hilfreich ist, ist zweifelhaft. Vor diesem Hintergrund hat die Bundesärztekammer (BÄK) jetzt gemeinsam mit der Zentralen Ethikkommission (ZEKO) bei der Bundesärztekammer die Empfehlungen zum Umgang mit Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung überarbeitet. 

Doch seine Kritik an dem Gesetz sollte nicht als Kritik an Patientenverfügungen an sich missverstanden werden. „Die umfangreichen Möglichkeiten der modernen Medizin und die unterschiedlichen Wertorientierungen der Patienten lassen es sinnvoll erscheinen, dass sich Patienten vorsorglich für den Fall des Verlustes der Einwilligungsfähigkeit zu der Person ihres Vertrauens und der gewünschten Behandlung erklären,“ heißt es auch in den Empfehlungen von BÄK und ZEKO.

Sie bieten dem Arzt Gelegenheit, über die medizinisch möglichen und indizierten Behandlungsmaßnahmen zu informieren, auf die mit Prognosen verbundenen Unsicherheiten aufmerksam zu machen und über seine Erfahrungen zu berichten, die sich in vergleichbaren Situationen befunden haben. Doch es sei „absolut illusorisch anzunehmen, dass man alle denkbaren Fälle mit einer Patientenverfügung erfassen kann“, meinte Hoppe. Dem ist nichts hinzuzufügen.

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advokatus diaboli
am Mittwoch, 16. Juni 2010, 09:12

Sind Befürworter der ärztlichen Suizidbeihilfe „unanständig“?

„Es ist unanständig, wenn Menschen die Gesellschaft dazu zwingen wollen, auch noch den Tod für sie zu organisieren oder ihn gar herbeizuführen“,

so Axel W. Bauer in seinem aktuellen Statement, dass sicherlich nicht überraschend ist (vgl. dazu Angemerkt! Auf Leben und Tod, Edgar Dahl und Axel W. Bauer, in Gehirn & Geist v. 14.06.10 >>> http://www.gehirn-und-geist.de/artikel/1034087 <<< (html)


Es wäre wünschenswert gewesen, wenn auch Axel W. Bauer nach der zwischenzeitlichen Debatte nicht „Äpfel mit Birnen vergleicht“: Es geht ausdrücklich nicht darum, ob der „Sterbewunsch“ unanständig sei, sondern einzig darum, dass ggf. trotz der Segnungen der Palliativmedizin in einem Suizid der schwersterkrankte Patient eine Option sieht, seinem individuellen Leiden entfliehen zu können, ohne dass hiermit das Selbstbestimmungsrecht des Patienten zur Fremdbestimmung etwa der Ärzte oder Pfleger führt.

Im Übrigen erlaube ich mir den Hinweis, dass es reichlich verfroren ist, angesichts der Selbstbescheidung der Palliativmedizin mit Blick auf ihre Möglichkeiten, eben nicht jeden „Fall“ palliativmedizinisch beherrschen zu können, überhaupt die Frage aufzuwerfen, ob der Suizidwillige „unanständig“ sei.

Auch Herr Bauer scheint hierbei völlig zu ignorieren, dass immerhin nahezu ein Drittel der Ärzteschaft für eine Liberalisierung der ärztlichen Suizidbeihilfe eintritt und da stellt sich dann schon die Frage, ob er vielleicht auch glaubt, dass dieser Teil der bundesdeutschen Ärzteschaft moralisch „verroht“ sei.

Vielleicht ist es dem Medizinethiker Bauer möglich, kurzfristig bei den Verantwortlichen der BÄK um die Herausgabe der jüngsten Umfrage nachzusuchen, um diese dann kommentieren zu können. Es muss ein wenig zur Nachdenklichkeit anregen, dass hier einstweilen noch „Geheimniskrämerei“ betrieben wird und was liegt es da näher, ggf. zu vermuten, dass auch die jüngsten Umfrage (Anfang 2010) den vermeintlichen arztethischen Konsens zur Frage der standesrechtlichen und ethischen Missbilligung der ärztlichen Suizidbeihilfe als „ethische Nebelbombe“ entlarvt hat?
advokatus diaboli
am Donnerstag, 27. Mai 2010, 18:24

Ärztliche Suizidassistenz – Offene und fundierte Debatte ist einzufordern!

Das IQB – Internetportal scheut sich nicht, auch unbequeme Themen in der Öffentlichkeit präsent zu machen.

Der BLOG zur „Ärztlichen Assistenz beim Suizid – Wege aus der Tabuisierung“ ist nach seiner Eröffnung im März 2009 mittlerweile von 28 950 Besuchern aufgesucht und gelesen worden (Stand: 27.05.10 – 17.18 Uhr).

Der Moderator Lutz Barth trägt mit seinen teilweisen provozierenden Beiträgen dazu bei, dass der Wertediskurs dauerhaft belebt wird. Er plädiert für die Liberalisierung der ärztlichen Suizidassistenz bei schwersterkrankten Patienten und geht zuweilen mit der standesethischen Position insbesondere namhafter Ärztefunktionäre und Medizinethiker „hart ins Gericht“.

Der streitbare Jurist rügt hierbei insbesondere den Versuch der von ihm zuweilen als „Hobbyphilosophen“, „Sendboten“ oder „Missionare“ bezeichneten federführenden Ärztefunktionäre und Ethiker , das Selbstbestimmungsrecht der schwersterkrankten Patienten, aber auch die Freiheit zur Gewissensentscheidung der bundesdeutschen Ärzteschaft zur „kleinen Münze“ schlagen zu wollen.

Verfassungsinterpretation ist eben keine Philosophie und wahrlich nicht mit einem ethischen Oberseminar zu verwechseln, in dem die Normexegeten vielfach nur in die „ethische und transzendente Glaskugel“ schauen. Barth tritt vielmehr für einen konsequenten Grundrechtsschutz ein, der letztlich auch dazu führt, dass dem ärztlichen Standesrecht deutliche Grenzen gezogen werden. Das ärztliche Standesrecht oder die ethischen Grundsatzproklamationen der BÄK „brechen“ nicht das Verfassungsrecht und es ist hohe Zeit, in dem Wertediskurs dies auch deutlich zum Ausdruck zu bringen.

Die Grundrechtskonflikte zwischen Kammer und Berufsangehörigen einerseits und deren faktische Ausstrahlungswirkung auf das Arzt-Patienten-Verhältnis andererseits können nicht einfach „ausgesessen“ werden. Wir werden auch weiterhin dafür Sorge tragen, dass das Thema „lebendig“ bleibt, auch wenn wir dadurch den berufsethischen Seelenfrieden so mancher Ärztefunktionäre und Ethiker ins Wanken bringen sollten.

Nachfolgender Link führt Sie zum BLOG >>> http://aerztliche-assistenz-beim-suizid.nursing-health-events.de/2009/03...

Lutz Barth, 27.05.10
advokatus diaboli
am Mittwoch, 12. Mai 2010, 07:19

Hoppes Eröffnungsrede verdient vor allem Kritik!

Es stand zu befürchten an: Der Präsident der BÄK hat aus seiner Sicht ein durchaus leidenschaftliches Plädoyer gegen die Sterbehilfe in seiner Eröffnungsrede zum 113. Deutschen Ärztetag gehalten und leider ist bei ihm kein Erkenntnisfortschritt zu verzeichnen.

Und es kommt eigentlich noch „dicker“: Es scheint, als ob der „interne Dialog“ innerhalb der BÄK zu ihrer ethischen Position zur ärztlichen Suizidassistenz innerhalb weniger Tage entschieden worden ist, nachdem doch erst kürzlich der Präsident der BÄK im Gespräch mit Michael de Ridder u.a. darauf hingewiesen hat, dass die BÄK sich im Diskussionsprozess befinde.

Folgende pars pro toto aus seiner Rede belehrt uns alle eines besseren:

„Es ist einfach so, dass viele – etwa 95 Prozent - derer, die vorzeitig aus dem Leben scheiden wollen, an starken Depressionen leiden. Deshalb müssen wir uns um diese Erkrankten kümmern, nicht aber einem Suizid den Weg bereiten. Es ist so leichtfertig, populistisch und gefällig nach einer Legalisierung der Sterbehilfe zu rufen. Das viel zitierte Selbstbestimmungsrecht wird doch zur Farce, wenn es durch gesellschaftliche Ausgrenzung und depressive Erkrankungen fremdbestimmt ist. Deshalb müssen gerade wir Ärzte den Patienten in der Gesamtheit seiner Lebenssituation sehen. Wir müssen, da, wo wir nicht mehr heilen können, helfen – auch helfen in Würde zu sterben. Und deshalb bleibt es bei unserem ethischen Gebot, helfen im Sterben, nicht helfen zu sterben. Töten darf keine Option im therapeutischen Instrumentarium des Arztes sein.“

Quelle: BÄK >>> http://www.bundesaerztekammer.de/page.asp?his=0.2.6578.8228 <<< (html)

In diesem Sinne gilt es, scharfe Kritik an dem Präsidenten der BÄK zu üben, denn nach seinem Statement verbleibt es expressis verbis beim ethischen Gebot, im Sterben zu helfen und nicht helfen zu sterben.

Für mich persönlich ein unglaublicher Vorgang, der u.a. das Streitgespräch mit Michael de Ridder zur Farce werden lässt und im Übrigen die Befürworter der Liberalisierung der Sterbehilfe als Populisten stigmatisiert, mal ganz davon abgesehen, dass der Präsident der BÄK das Selbstbestimmungsrecht der Patienten völlig fehlinterpretiert.

Da nehmen sich seine Ausführungen zum Patientenverfügungsgesetz zwar etwas bescheidener aus, wenngleich insgesamt Herr Hoppe durchaus recht mit seiner Einschätzung hat, dass die verfasste Ärzteschaft noch vieles zu lernen hat und zwar gerade mit Blick auf das Selbstbestimmungsrecht als eines der höchsten Verfassungsgüter!

Es ist hohe Zeit, die Diskussion vitaler zu führen, denn es ist nach der Rede nicht damit zu rechnen, dass tatsächlich eine Liberalisierung und damit die Befreiung der verfassten Ärzteschaft von dem ethisch verordneten Zwangskorsett der BÄK gewollt ist.

Die Rede des Präsidenten der BÄK führt jedenfalls in diesem Punkte nicht (!) zur Vertrauensbildung bei, mal ganz davon abgesehen, dass hier unterschwellig ein Grundrechtsverständnis offenbar wird, dass nn in der Gänze nicht zu akzeptieren ist und zwar auch mit Blick auf die Grundrechtsstellung der verfassten Ärzteschaft im Verhältnis zu ihren Kammern.

Lutz Barth

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Von embryonaler Stammzellforschung bis Sterbehilfe – mit ethischen Themen vom Beginn bis zum Ende des Lebens werden Ärzte immer wieder konfrontiert. Gisela Klinkhammer, beim Deutschen Ärzteblatt zuständige Redakteurin für Medizinethik, setzt sich mit aktuellen Entwicklungen auseinander.

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