Gratwanderung

Freitod von Eberhard von Brauchitsch: Neue Diskussion über aktive Sterbehilfe

Dienstag, 14. September 2010

Tötung auf Verlangen und aktive Sterbehilfe sind in Deutschland verboten. Darauf hat kürzlich noch einmal  die Vorsitzende  Richterin am Bundesgerichtshofs hingewiesen, dessen zweiter Senat entschieden hatte, unter welchen Voraussetzungen Sterbehilfe zulässig ist. Dennoch wird immer wieder darüber diskutiert, ob man aktive Sterbehilfe nicht legalisieren sollte.

Jetzt wurde diese Diskussion neu ausgelöst durch den Freitod des Ehepaars von Brauchitsch, die sich in Zürich Unterstützung von der Schweizer Sterbehilfeorganisation Exit gesucht hatten. In einem Blog des WDR erntete diese Verzweiflungstat viel Zustimmung, auch von der Bloggerin, die ein „Leben am Schlauch“ für sich nicht möchte.

In der Schweiz sprachen sich jetzt 68 Prozent der Befragten einer repräsentativen Umfrage der Uni Zürich für aktive, durch Ärzte ausgeführte Sterbehilfe aus. Aber selbst in diesem liberalen Land gab es berechtigte Vorbehalte, beispielsweise bei der Suizidbeihilfe an psychisch schwerkranken Menschen. „Sterbetourismus“ stößt bei den Schweizern sogar auf Empörung.

Sie lehnen es ab, dass Organisationen wie Dignitas und Exit im Ausland wohnenden Sterbewilligen Beihilfe zum Suizid anbieten. Möglicherweise kann dies als gutes Zeichen für die Initiative im Kanton Zürich gedeutet werden, die den Sterbetourismus verbieten lassen will. Und das sollte auch den deutschen Befürwortern eines ärztlich assistierten Suizids zu denken geben.

Schließlich ist es ja durchaus möglich, mit Hilfe der Palliativmedizin schwerstkranken und sterbenden Menschen zu helfen. Und Sterbehilfe durch Behandlungsunterlassung, -begrenzung oder –abbruch ist bereits jetzt zulässig.

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Gabi21
am Donnerstag, 14. Juni 2012, 18:20

>Schließlich ist es ja durchaus möglich, mit Hilfe der Palliativmedizin schwerstkranken und sterbenden Menschen zu helfen. <

Ich sehe diese Aussage nicht als "falsch" an... die Palliativmedizin sagt ja nicht, dass wir Menschen HEILEN, sondern, dass wir Schmerzen lindern und versuchen dem bestehenden Leben noch ein bisschen an Lebensqualität zu geben. Jeder Palliativpatient ist sich darüber im klaren, dass er KEINE Heilung mehr erfahren wird, ich finde, wenn ein sterbender Schmerzen hat, darf er doch vom Recht gebrauch machen, selbst bestimmend zu agieren. Meist ist das in Patientenverfügungen klar zum Ausdruck gebracht! Ich selbst bin keine Ärztin, aber ich habe eine Ausbildung zur Palliativ Fachkraft und mache in Kürze eine Weiterbildung zur algesiologischen Fachassistentin. Ich habe sehr sehr gute Erfahrungen mit Palliativmedizinern und Schmerttherapeuten gemacht und muss trotzdem immer wieder erleben, dass es durchaus Ärzte gibt, die ANGST haben zu Opiaten zu greifen, insbesondere dann, wenn der Patient sich in der letzten Sterbephase befindet . Es macht mich fast wütend, wenn man dann den sterbenden sich selbst überlässt, aus Angst man verstößt gegen den "ethischen " Eid!! In Krankenhäsern, speziell in Palliativstationen sieht das anders aus, als in Seniorenheimen. Da ist man als Schwester auf den Arzt angewiesen. Ich möchte nicht auf die Ärzte schimpfen, aber ich Appeliere an jene die so unsicher sind, an Kongressen und Fortbildungen teilzunehmen um Verständnis im Sinne des Patienten zu erfahren! Das hat nichts mit AKTIVER Sterbehilfe zu tun, das hat mit " Menschenwürde" zu tun!!

ich empfehle:
Mendener Magazin
Palliativ- Mediziner räumt auf! 14.06.2012
Google

sterbehilfeneu
am Mittwoch, 15. September 2010, 08:26

>Schließlich ist es ja durchaus möglich, mit Hilfe der Palliativmedizin schwerstkranken und sterbenden Menschen zu helfen. <

>Schließlich ist es ja durchaus möglich, mit Hilfe der Palliativmedizin schwerstkranken und sterbenden Menschen zu helfen. <

Solche fachmedizinisch FALSCHEN Aussagen sind eines Ärzteblattes nicht würdig! Tatsache ist, dass 4-10 % aller Schmerzen medizinisch NICHT beherrschbar sind! Worin besteht dann die 'Hilfe' der Palliativmedizin für den todkranken Patienten? Doch, es gibt sie. Letztlich wird medizinisch das künstliche Koma angeboten, das eine Verkürzung des Sterbeprozesses zur Folge hat und streng genommen nichts anderes als AKTIVE Sterbehilfe ist, oder?

Ich empfehle:

Peter Puppe
'Ich sterbe mich. Aus dem Alltag deutscher Sterbehelfer.' - 2010
www.peterpuppe.de
advokatus diaboli
am Dienstag, 14. September 2010, 19:25

"Empörung"

Empörung muss hierzulande vielmehr die unsägliche These auslösen, dass es einen vermeintlichen Widerspruch zwischen Palliativmedizin und Sterbehilfe - und hier näher die ärztliche Assistenz beim freiverantwortlichen Suizid - gibt; dem ist mitnichten so und da ist es dann in der Folge nur eine Frage der Zeit, bis der "kammerspezifische" arztethische Widerstand aufgegeben wird, nachdem sich die verfasste Ärzteschaft insgesamt liberalere Regelungen gerade im Berufs- resp. Standesrecht wünschen. Zum Nachdenken muss vielmehr anregen, dass einem ethischen Paternalismus in Deutschland das Wort geredet wird, mit dem das Selbstbestimmungsrecht auch des schwersterkrankten Patienten letztlich zur Farce wird. Die Debatte, die zuletzt in den Fokus der Öffentlichkeit durch die Publikation des Dr. de Ridder gerückt worden ist, muss nach wie vor geführt werden und hierbei ist es nicht von vornherein ausgeschlossen, dass in seltenen Fällen auch die aktive Sterbehilfe eine humane Handlungsoption und im Übrigen die ärztliche Suizidassistenz integraler Bestandteil auch der Palliativmedizin ist.

Derzeit sind allerdings deutsche Patienten auf die offenen Grenzen angewiesen, wenn und soweit diese ihrem Leid entfliehen wollen; insofern kann nur der Hoffnung Ausdruck verliehen werden, dass unsere europäischen Nachbarländer einstweilen dem "Sterbetourismus" keine Absage erteilen und zwar bis zu dem Zeipunkt, wo hierzulande endlich mit dem Selbstbestimmungsrecht ernst gemacht wird und die ewig gestrigen Paternalisten damit aufhören, "moralische Pflichten" zu generieren, aufgrund derer es verunmöglicht werden soll, selbstbestimmt zu sterben!

Dass dies derzeit noch nicht der Fall ist, löst in der Tat nachhaltige und zuweilen zornige Empörung aus, könnte doch der Eindruck entstehen, als scheitere die Grundrechtswahrnehmung der Schwersterkrankten an einer "Ethik", bei der die tragenden Achsen verlustig gegangen sind und im ganz großen Stile Hobbyphilosophie zelebriert wird.

Lutz Barth

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Von embryonaler Stammzellforschung bis Sterbehilfe – mit ethischen Themen vom Beginn bis zum Ende des Lebens werden Ärzte immer wieder konfrontiert. Gisela Klinkhammer, beim Deutschen Ärzteblatt zuständige Redakteurin für Medizinethik, setzt sich mit aktuellen Entwicklungen auseinander.

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