Lesefrüchtchen

Salami-Ethik

Donnerstag, 7. Juli 2011

Laut dem Memorandum der Bundesärztekammer vom 25. Mai 2011 sind „durchschnittlich sieben Präimplantationsembryonen notwendig, um ... wenigstens zwei nicht betroffene Embryonen für eine Übertragung zur Verfügung zu haben.“

Lästigerweise begrenzt das Embryonenschutzgesetz aber die zu erzeugenden Eizellen auf drei (§1, Abs.1, Ziff. 1 in Vbdg mit Ziff. 5). Mag sein, dass findige Juristen den Widerspruch weginterpretieren können. Ulrike Riedel hingegen, eine Juristin, die sich im Recht der Bioethik ziemlich gut auskennt, argwöhnt (FAZ vom 1. Juli 2011), dass mittels PID auch das Embryonenschutzgesetz ausgehebelt werden könnte.

Anzeige

Wetten, dass alsbald die Befürworter einer liberalen Regelung der Stammzellforschung, die lange still schweigen mussten, mit dem Argument kommen: wenn hier sieben, weshalb da nur drei? Und weshalb importieren, wenn hierzulande doch genügend Stammzelllinien bereitstünden, so man nur wollte?

Solche Argumentation hat Methode. Sie ist Bestandteil der – von Montgomery kürzlich so genannten – Salami-Ethik. Mit Erfolg lassen sich mittels Salami-Taktik, Tabus ethisch schmackhaft machen: Weshalb soll PID verboten sein, wenn PND erlaubt ist? Warum Selektion von Embryonen verbieten, wenn Abtreibung „erlaubt“ ist? Warum ziert sich Deutschland, wo doch alle Welt liberal ist?

Wenn die Indikationen 1,2,3 für PID (demnächst)  zugelassen sind, weshalb dann nicht auch 3, 4 oder 5? Es folgen die immer gleichen Versicherungen: strengste Regeln, bei Indikation 5  ist wirklich Schluss, ethische Begleitung, Durchführung allein durch Ärzte – aber natürlich „darf kein Arzt gezwungen werden“! – und in der Verantwortung der Selbstverwaltung.

Das Spiel kann endlos weiter getrieben werden, sobald man sich mal darauf eingelassen hat. Der Ärzteschaft, die sich auf dem Deutschen Ärztetag 2011 dazu bereit erklärt hat, die Verantwortung für die  PID- Anwendung zu übernehmen, ist zu wünschen, dass sie beizeiten merkt, wenn sie von Politikern oder auch Wissenschaftlern  instrumentalisiert werden soll. Bei PID wird es ja nicht bleiben.


Mit diesem Eintrag beende ich meinen blog „Lesefrüchtchen“ und danke allen Lesern, den kritischen wie den wohlwollenden, für das (mich überraschende) große Interesse.

Norbert Jachertz

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

sjargin
am Samstag, 2. Februar 2013, 09:14

Kontrolle der Geburtenrate: Wissenschaft vs. Religion

Der ökologische Schaden und Erschöpfung nicht-erneuerbarer Ressourcen sind proportional zur Bevölkerungsmenge [1,2]. Um die Übervölkerung zu reduzieren, kann die Menschheit zwischen der Geburtenratenminderung und der Sterblichkeitserhöhung wählen. Die letztere stellte bekanntermaßen den vorherrschenden Mechanismus während der ganzen Geschichte dar. Die denkbaren Lösungen würden neue moralische Prinzipien erfordern z.B. dass keine Bevölkerungsgruppe, im nationalen oder internationalen Maßstab, Vorteile aus ihrem numerischen Wachstum ziehen darf. Logischerweise sollten diejenigen, die mehr Kinder kriegen, in etwas engeren Verhältnissen als kinderärmere Völkerschaften leben. Bis heute wurde die Kontrolle der Geburtenrate durch einen Konflikt zwischen nationalen und internationalen Interessen verhindert, indem das Bevölkerungswachstum als Mittel des wirtschaftlichen Fortschrittes und der Souveränität gesehen wurde. Die Interessengemeinsamkeit der Menschheit ist heute jedoch augenscheinlich geworden. Eine globale Kontrolle der Geburtenrate würde Investitionen benötigen; alle einfacheren Lösungen würden aber zwangsläufig weniger menschenfreundlich sein. Als Finanzierungsquelle könnten die Einkünfte von den fossilen Brennstoffen benutzt werden, mit denen man heute oft verschwenderisch umgeht. Jedenfalls kann der internationale Wettbewerb in Sachen Bevölkerungswachstum und die internationalen Konflikte nur mittels Machtkonzentration bei einer sich in den höchstentwickelten Ländern basierenden Exekutive beendet werden. Was nach wie vor fehlt ist das gegenseitige Vertrauen.
Die Arbeitsproduktivität ist heute hoch, und immer mehr Menschen bleiben beschäftigungslos. In der Vergangenheit wurden ähnliche Verhältnisse durch Kriege und Epidemien beendet. Das hat sich schon seit langem nicht ereignet, und es werden keine Maßnahmen ergriffen, um es auch in Zukunft vorzubeugen. Es muss aber vieles gemacht werden, um das Leben von Milliarden Menschen in Zukunft zu ermöglichen: Irrigationsanlagen für Trockenländer, thermonukleare und andere alternative Kraftwerke um den Verbrauch fossiler Brennstoffe zu vermindern, Produktion des Hydrogens als Energieträger usw. Die wissenschaftliche Forschung soll aktiviert und von Unredlichkeit aller Art bereinigt werden. Neue Noxen, Drogen, andere chemische und physische Faktoren sollten in Massenexperimenten getestet werden, um auch seltene stochastische Effekte zu erfassen. Das alles würde eine Beschäftigung für viele Leute schaffen. Soll sich die Geburtenrate in der Zukunft vermindern, bedeutet das, dass die Arbeitskraft sich heute am Höhepunkt der Quantität findet. Das ist eine einzigartige Gelegenheit große Projekte zu verwirklichen. Dementsprechend sollte die Propaganda das Bildnis eines bescheidenen, fleißig arbeitenden Menschen popularisieren.
Im Hinblick auf die Empfängnisverhütung und Abtreibungen erscheinen die Lehren aller Religionen nicht mehr zeitgemäß zu sein. Einige islamische Gesetze sind jedoch konstruktiv. So kann nach den Konzepten von Ensoulment und La-haraj eine Abtreibung erlaubt sein. Ensoulment geschieht angeblich 16 Wochen nach der Befruchtung [3,4]. Die La-haraj Regel besagt, dass die Religion nie eine untragbare Härte verursachen darf. So, wenn die Schwangerschaft solch eine Härte für die Frau oder seine Familie verursacht, darf eine Abtreibung vorgenommen werden. Die La-haraj Regel bezieht sich auf alle Arten der unzumutbaren Härte, kann also auch für die Abtreibungen nach sozialen Indikationen anwendbar sein. Es wurde auch vermerkt, dass das Abtreibungsverbot sich nur auf eine Embryozerstörung auf einer bestimmten Entwicklungsstufe bezieht. Dementsprechend ist z.B. eine Benutzung von Stammzellen für Therapiezwecke von islamischen Gesetzen nicht verboten [5], was aus wissenschaftlicher Sicht ein Vorteil ist. Im Westen sind viele Leute der Meinung, dass die christlichen Prinzipien der Gnade und Vergebung, die auch für die vermeintlichen Feinde gelten, die weltbesten religiösen Prinzipien sind. So ist es auch nach der Verfassers Meinung. Heute aber, im Zeitalter der nicht immer klar vorauszusehenden Entwicklungen, sollte La-haraj zu einem der obersten Gebote werden: unter keinen Umständen eine unzumutbare Härte verursachen. Wir können die Entwicklung der Menschheit voraussehbar machen und sie im Einvernehmen mit der medizinischen und allgemeinen Ethik planen, das Instrument dafür würde aber die Wissenschaft. Es ist aus der Geschichte bekannt, dass Religionen allein die unzumutbare Härte nicht immer effektiv verhinderten. Sicherlich ist das obenangeführte auch ohne jede religiöse Begründung augenscheinlich.
Literatur
1. Desvaux M. The sustainability of human populations: How many people can live on earth? Significance 2007;4(3):102-7.
2. Jargin S. Demography and architecture in Ethiopia and elsewhere. Domus News of 05 June 2010 http://www.domusweb.it/en/news/demography-and-architecture-in-ethiopia-and-elsewhere/
3. Hedayat KM, Shooshtarizadeh P, Raza M. Therapeutic abortion in Islam: contemporary views of Muslim Shiite scholars and effect of recent Iranian legislation. J Med Ethics. 2006;32(11):652-7.
4. Ejtehadi F. Therapeutic Abortion in Iran; Role of Culture and Religion. BMJ Rapid Response of 9 December 2012. http://www.bmj.com/content/345/bmj.e8161/rr/619197
5. Sadeghi M. Islamic perspectives on human cloning. Hum Reprod Genet Ethics. 2007;13(2):32-40.
bach
am Montag, 11. Juli 2011, 19:26

Richtig, das Embryonenschutzgesetz von 1991

beruht auf einer laienhaften Ansicht der Gesetzgeber und muss geändert werden. Jeder Mediziner weiß, dass es eine Embryogenese gibt, dass die Entwicklung der Zygote zum Embryo ca. 14 Tage dauert und dass das letztlich nur in der Gebärmutter nach der Implantation geschieht. Die extrakorporale Zygote ist eben noch kein Embryo! Sie ist eine lebende Zelle, genau wie alle anderen menschlichen Zellen, sie kann aber ohne bestimmte Bedingungen (Uterus) nie zu einem Menschen heranwachsen.
advokatus diaboli
am Freitag, 8. Juli 2011, 08:55

Schade...

dass der von Ihnen initiierte BLOG "Lesefrüchten" sein Ende findet. Indes sei Ihnen gleichwohl Respekt für die aufgegriffenen Themen gezollt, auch wenn ich persönlich nicht immer ihre Meinung teilen kann; dies war und ist aber eher prinzipiellen Erwägungen geschuldet, da ich mich insbesondere von der "Wertekultur" und damit dem ethischen Grundstandard unseres Grundgesetzes orientieren und gelegentlich auch in den bioethischen Grundsatzdebatten inspirieren lasse.

Nun - die "Salami-Taktik" ist so ungewöhnlich nicht, kommt doch in ihr insgesamt die Pluralität von Werten zum Ausdruck und - was mir besonders erwähnenswert erscheint - auch die durchaus verdienstvolle Bereitschaft so mancher (Ober-)Ethiker, letztlich doch "lernwillig" (!) zu sein.

Die BÄK hat gerade in den letzten Monaten ein Beispiel dafür abgegeben, zumal der ehemalige Präsident der BÄK erkennbar zur Einsicht gelangt ist, dass auch innerhalb der verfassten Ärzteschaft unterschiedliche Moral- und Ethikvorstellungen feststellbar sind, die wohl in letzter Konsequenz nicht harmonisierbar sind.
Dass nunmehr die BÄK nach "moralischer Autorität" strebt, ist angesichts des neuen Vorstands so überraschend nicht, wenngleich doch auf dem 114. Deutschen Ärztetag einstweilen die Chance vertan wurde, sich gegenüber anderslautenden Werthaltungen in der Ärzteschaft tolerant zu verhalten.

Mit Blick auf die "Instrumentalisierung" darf denn auch festgestellt werden: Die mündigen Patientinnen und Patienten sind ebenso wie die politisch Verantwortlichen aufgerufen, den wohlmeinenden Sonntagsreden einiger Ärztefunktionäre nicht zu erliegen und aus eigener Sachkompetenz heraus die wesentlichen Fragen selbst zu regeln. Die Ärzteschaft ist in ihrer Verfasstheit nicht demokratisch legitimiert, über Gebühr sich politisch zu engagieren und hierbei in der Öffentlichkeit den Eindruck zu erwecken, als käme ihr ein ethisches Grundsatzmandat zu, vermögedessen es die Interessen des Staatsvolkes wahrzunehmen gedenkt!

Die bisherigen Ethikdebatten haben leider gezeigt, dass nicht wenige Ärztefunktionäre mit den entscheidungserheblichen Fragen überfordert sind und im Kern sich auf einer Mission befinden, die durchaus den verkündeten Glaubensbotschaften der großen Amtskirchen in nichts nachsteht.

Ihnen, verehrter Herr Jachertz, wünsche ich weiterhin alles Gute und viel Erfolg und ich danke Ihnen dafür, dass Sie auch den kritischen Stimmen die Möglichkeit gegeben haben, sich in Ihrem BLOG zu äußern.

Mit freundlichen Grüßen
Lutz Barth

Lesefrüchtchen

Lesefrüchtchen

Aus berufs- und standespolitischem Blickwinkel kommentiert der Journalist Norbert Jachertz, Köln/Berlin, “Vermischtes” – von harter Politik bis zu beiläufigen Ereignissen.

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Aktuelle Kommentare