Zum medizinischen Basiswissen gehört die Anatomie. Die Kenntnis der Strukturelemente des menschlichen Körpers können in ihrer komplizierten Dreidimensionalität nur durch Kombination von Vorlesungen, Buchstudium und Präparationen im Seziersaal erworben werden. Außerdem sollte man die Übungen in der Anatomie mit Teilnahme an Sektionen in den pathologischen Instituten und in der Gerichtsmedizin verknüpfen. Der zu frühe Einsatz von technischen Hilfsmitteln im medizinischen Lernprogramm wie Ultraschall, Röntgen, CT, MRT und anderen führt eher zu zweidimensional gestützter „digitaler Demenz“ (modifiziert nach Spitzner). Die bildgebenden Verfahren alleine entwerfen vom Menschen ein virtuelles Bild, es fehlt die qualifizierte Untersuchung, das Handauflegen und Betasten, also die haptische Qualität des Arztes. Die Beschränkung der anatomischen Präparationen auf die chirurgische Anatomie ist bedenklich, weil diese nur aus dem Blickwinkel des Operateurs erfolgt, situsgebunden ist und keinen Gesamtüberblick über die Körperanatomie vermittelt. Für den Studenten der Medizin ist es sehr wichtig, dass er erkennt, dass der Gesamtheit der äußeren Erscheinung des Menschen komplexe anatomische Strukturen zugrunde liegen. Die modernen Verfahren Endoskopie, der „Schlüssellochchirurgie", aber auch die kosmetisch-chirurgischen Behandlungen mit Botox und Hautfüllern sind ohne profunde Kenntnisse der Anatomie nicht denkbar. Anatomie ist ein Lernfach, das nicht nur für das Examen gebraucht wird, sondern das jeden Tag in der täglichen ärztlichen Praxis verfügbar sein muss. Die Auffassung, dass die Arbeit an der Leiche für den Studenten psychisch nicht zu bewältigen ist, ist abwegig. Die Medizin ist eine stete Auseinandersetzung mit Leben und Tod. Eine frühe Beschäftigung mit dem Tod kann auch sinngebend und zielfördernd sein, wenn dadurch Krankheiten, dahin führen, abgewendet werden könnten.
Prof. Dr. med. Dr. habil Felix-Rüdiger G. Giebler Friederichstadt