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am Dienstag, 21. Oktober 2008 um 13:32
 

Bevor man auswandert (nicht nur nach NL)

Wer in die Niederlande (oder auch woanders hin) will, muss sich ein paar Dinge vorher genau ueberlegen. So banal es klingt, aber der erste Schritt ist, sich darueber klar zu werden, warum man in ein bestimmtes Land will (leider wissen die meisten vor allem, warum sie aus Deutschland weg wollen – am schoensten zu sehen an postings, die in sechs verschiedenen Rubriken Ausland untergebracht sind. Neuseeland, Schweden, Frankreich – egal, erstmal weg)

Dann muss man eine andere Rechnung sehr, sehr ehrlich aufmachen: Was verliere ich, wenn ich weggehe (und wie leicht faellt mir das – und ggfs. meiner Familie). Da ist zum Beispiel die familiaere Infrastruktur (Grosseltern, die auf kranke Kinder aufpassen. Die eigenen Eltern, die inzwischen nicht mehr sicher den Weg vom Supermarkt zur eigenen Wohnung zurueck finden und so weiter). Freunde: Sind die Freundschaften stabil halten sie meistens auch einen gewissen Abstand aus. Neue Freunde finden ist nicht leicht, kann aber im Ausland interessanterweise manchmal besser gehen, als in der alten Heimat. Allerdings dann haeufig nicht zu Einheimischen, sondern zu anderen Auslaendern, Zugezogenen usw. Muss wirklich kein Nachteil sein. Dennoch ist das Aufbauen einer Infrastruktur eine der wichtigsten, anstrengdsten und zeitraubendsten Aufgaben im Emmigrantendasein, das ist definitv kein Selbstlaeufer, hier muss man echt investieren.

Wenn man sich danach noch immer mit dem Gedanken traegt wegzugehe, braucht man viele und gute Informationen. Internet ist ein prima Medium um Infos zu bekommen, mit teilweise hoher, haeufig aber ziemlich maessiger Qualitaet. Ich kann nur nochmals warnen, Lebensentscheidungen allein von Foren abhaengig zu machen. Ab einem gewissen Stadium der Planung sollte man bei bestimmten Fragen echte Experten fragen. Das kann je nach Land ein gutes Vermittlungsbuero sein, eine Kanzlei, die sich mit Einbuergerungsfragen beschaeftigt, fuer vieles reicht sicherlich der enge Kontakt mit einem Kollegen vor Ort. ABER: Der Kollege ist meistens schon ein paar Jahre im Lande und u.U. haben sich einige Regelungen mittlerweile geaendert, so dass er da meistens nicht auf dem aktuellen Stand ist.
Ich kann aus eigener Erfahrung nur sagen, dass z.B. der Erhalt der Sofi-nummer in NL vor einigen Jahren schneller lief und voellig anders geregelt war. Zur 30%-Regelung kann ich sicherlich das eine oder andere sagen, am Ende steht aber jemand ohne den besagten Steuervorteil da, weil ich mein Halbwissen von vor vier Jahren zum besten gegeben habe.

Etwas darf man obendrein nicht vergessen: Man ist fast immer Lueckenbuesser, d.h. man bekommt in aller Regel einen Job, fuer den sich kein einigermassen qualifizierter Einheimischer gefunden hat. Und mal ehrlich, das waere in Deutschland auch nicht anders. Umso wichtiger ist darum, moeglichst rasch den Unterschied zu einem einheimischen Kollegen abzubauen, das erhoeht die Akzeptanz erheblich. Gute Sprachkenntnisse, halbwegs landeskonforme Umgangsformen usw. empfinde ich dabei als selbstverstaendlich. Hier in NL gibt es aber noch einen Punkt, den man nicht unterschaetzen sollte. Man sitzt hier innerhalb kuerzester Zeit in diversen Gremien und muss mitbestimmen. Zwar wird hier gerne auch mal ohne durch jegliches Vorwissen belastet zu sein eine Meinung geaeussert, ab einem bestimmten Niveau kommt man damit nicht mehr durch. Wer also allein wegen attraktiver Arbeitsbedingungen und Gehalt hierherkommt, wird sehr schnell mit einem hohen Aufwand an Zeit und Arbeit fuer Verwaltungsaufgaben konfrontiert. Allerdings ziemlich anders als in Deutschland. Weniger Schreibkram zu Dokumentationszwecken, dafuer ploetzlich Verantwortlichkeit fuer Budgetierung und so weiter. Dabei gilt, je kleiner das Krankenhaus, desto groesser die Verantwortung, da diese auf nur wenigen Schultern ruht.
am Dienstag, 21. Oktober 2008 um 13:53
 

Toller Beitrag

finde ich sehr gut.
Anfügen wollte ich noch die Auswanderer doku soaps. Sind sicher nicht immer arztspezifisch, erzählen aber oft von unerwarteten Problemen, die man sich hätte früher überlegen hätte können.
Neulich hatte ein Kollege in einem anderen Forum schon richtig geschrieben: Es hängt viel von der Person und ihrer Lebensumstände ab, ob das oder das andere Land das richtige zum Auswandern ist.
Eines bleibt auch zu bedenken: Es gibt in D gute Stellen und es gibt schlechte Stellen, es gibt in jedem Land Vor- und Nachteile. Beide kauft man mit ein. Eine Erfahrung ist es aber in jedem Fall. Positiv wie negativ.
am Mittwoch, 22. Oktober 2008 um 06:49
 

GEnau das ist es ja

was viele wollen, die nicht nur Schnarchnasen sind: MITGESTALTEN. Perspektiven sehen. Und Lückenbüsser ist man auch in D.: - die tollen Stellen (toller Chef u/o tolles Gehalt u/o tolle Arbeit u/o tolle Lage) sind nämlich auch hier besetzt Und die anderen Nebenbedingungen sind gut und richtig erwähnt, treffen aber tendenziell (Familieninfrastruktur) auch zu, wenn man von Cottbus nach Frankfurt/Main geht und umgekehrt.

Also eher ein Pro Ausland.

Herzliche Grüße aus Österreich
am Mittwoch, 22. Oktober 2008 um 16:14
 

@ adonis und jetfriend

< Eine Erfahrung ist es aber in jedem Fall. Positiv wie negativ>

Natuerlich blasen wir da an sich ins selbe Horn, aber ich bin mir eben nicht sicher, ob man bestimmte Erfahrungen selbst machen muss, oder lieber einfach mal eine gesunde Selbstreflexion ihr Werk tun laesst. Wenn ich naemlich in einem anderen Forum lese, dass eine Kollegin dreimal innerhalb von 18 Monaten die Stelle wechselt, um dann doch wieder zurueck zu gehen, kriege ich echt Pickel. Schlimm fuer die Kollegin, wahrscheinlich aber ebenso schlimm fuer ihre Landsleute, die sich dann mit dem ruinierten Ruf deutscher Aerzte vor Ort rumschlagen duerfen (sorry, wer dreimal innerhalb so kurzer Zeit wechselt hat IMHO ein, wahrscheinlich sogar mehrere Probleme. Klar kann man stellentechnisch mal ins Klo greifen, aber so oft, so schnell? Glockenfoermige Lernkurve, wie ein guter Bekannter dann zu sagen pflegt, oder gar schlimmeres).

@ jetfriend: Der Wechsel von Cottbus nach Ffm scheint mir tatsaechlich krass, Clash of cultures. Der Wechsel von D nach NL ist dann im Regelfall nicht heftiger als der von Hamburg nach Stuttgart (ich weiss nicht, ob das auf jeden so beruhigend wirkt…)
Im Uebrigen bin ich pessimistischer als Du, was das potentielle Engagement in Bezug auf Prozesse mitgestalten betrifft. Da wollen nach meiner Erfahrung doch die meisten lieber in Ruhe gelassen werden. “Man sollte mal, man muesste doch…” usw., aber wehe es geht darum, mal den eigenen Allerwertesten hinzuhalten.
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Niederlande

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