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am Mittwoch, 25. Januar 2012 um 00:00
 

Dilemma des ärztlichen Selbstverständnisses in einer Hochtechnologie-Medizin

Der Artikel von Birgit Hibbeler und die beigefügten Statements von Ärzten verschiedener Altersstufen spiegeln das Dilemma des ärztlichen Selbstverständnisses in einer Hochtechnologie-Medizin genau wider: humanistisches versus technokratisches Menschenbild.

Fällt die Antwort der 80jährigen Marianne Koch noch eindeutig aus („Menschenliebe“), so heißt es im Haupttext: Die Ärzte stehen irgendwo dazwischen (d.h. zwischen „Humanität“ und „Wirtschaftlichkeit“). - Ist das so? - Schon nach den ersten Sätzen drängt sich die Frage auf: Wie kann es sein, wie konnte es dazu kommen, dass „Nächstenliebe und Humanität“ zu „Fremdkörpern“ in einem „System“ werden, in dem sich „Effizienz und Wirtschaftlichkeit“ einen „festen Platz erobert haben“? - Darauf wird leider nicht weiter eingegangen.

Der barmherzige Samariter ist ein Laienhelfer, der der „Stimme seines Herzens“ folgt. Er gilt als Urbild der Nächstenliebe, die im Christentum zum Gebot erhoben wurde: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Der Maßstab für die Liebe zum Nächsten ist demnach die Liebe zu sich selbst. Wer seinen eigenen Wert nicht kennt, der kann den Wert seiner Mitmenschen nicht erkennen. - Die Vorstellung von „unserem gemeinsamen Menschsein“ (Bruno Bettelheim, Kinderpsychologe) wird wohl phylogenetisch älter sein als das Christentum. Wahrscheinlich gehört es zur Grundausstattung der Spezies Mensch. Anfänge ethischen Denkens und Handelns lassen sich in der menschlichen Phylogenese (Vorratshaltung, Bestattungsriten etc.) und Ontogenese (Kleinkindalter: Der Wunsch, etwas mit anderen zu teilen.) nachweisen.

Was kennzeichnet die Handlungsweise des barmherzigen Samariters? Im Jetzt stellt er Ressourcen (Zeit, Geld, Rohstoffe) für einen abstrakten Nutzen („Gesundheit“) in einer (ungewissen) Zukunft bereit. Aus evolutionsbiologischer Sicht trägt er so zum Überleben der Spezies bei. Ähnlich handeln Eltern bei der (viele Jahre in Anspruch nehmenden) Kindererziehung (Heute zynisch als „Armutsrisiko“ bezeichnet.). Eine formale Ähnlichkeit besteht auch zum Vorgehen eines Börsenspekulanten.

Zwischen dem barmherzigen Samariter (ethische Lebensauffassung) und einem Börsenspekulanten (hedonistische Lebensauffassung) besteht indes ein entscheidender Unterschied, der von dem Philosophen Sören Kierkegaard klar formuliert wurde. In einer „hedonistischen“ oder bloß „ästhetischen“ Lebensauffassung ist die unmittelbare Selbstverwirklichung (der unmittelbare Lebensgenuss) „im Jetzt“ als oberster Zweck gesetzt. Die ethische Lebensauffassung zielt ebenfalls auf Selbstverwirklichung („in der Zukunft“), aber mit dem entscheidenden Zusatz des Verzichts auf unmittelbare Selbstverwirklichung.

Die Entwicklung eines ethischen Denkens und Handelns hat Voraussetzungen: Im Gegensatz zu Tieren („primäres Bewusstsein“) verfügt des Mensch über ein „sekundäres Bewusstsein“. Er ist sich bewusst, dass er ein Bewusstsein hat. Damit ist er zu reflexivem Denken fähig. Weiterhin verfügt er über eine Vorstellung von Zeit. Er ist fähig, die momentane Gegenwart (den „vergänglichen Augenblick“) in einem Zusammenhang zu sehen mit der (erinnerten) Vergangenheit und einer zwar ungewissen, aber projektierbaren und antizipierbaren Zukunft. Somit kann er die Aufgabe erkennen, eine Güterabwägung vorzunehmen: augenblicklicher (konkreter aber vergänglicher) Lebensgenuss versus Erreichen „abstrakter“, in der Zukunft legender Lebensziele.

„Gesundheit“ ist ein solches Ziel. Sie gilt als „höchstes Gut“, wird aber gleichwohl erst wahrgenommen, wenn sie beschädigt oder bedroht ist. Dabei darf nicht vergessen werden, dass „richtige“ ärztliche Entscheidungen in der Gesamtheit der Bedingungen, Gesundheit zu erreichen, (nur) einen Teilaspekt ausmachen. Wesentliche andere Determinanten von „Gesundheit“ - die Selbstheilungskräfte des Organismus – liegen auch heute, in der Ära der Hochtechnologie-Medizin, nicht in der „Verfügungsgewalt“ des Arztes.

Daraus folgt, dass „Menschenliebe“, „Gesundheit“, „Ethik“ Werte sind, die sich dem Zugriff von Ökonomie und Technokratie entziehen. Dies zu ignorieren wäre gefährlich: Der Mensch selbst würde zum Objekt einer ökonomischen Technokratie degradiert; ein Widerspruch in sich selbst.

Prof. Dr. Bernhard Schlüter
am Mittwoch, 7. März 2012 um 06:35
 

„Menschenliebe“, „Gesundheit“, „Ethik“

Ganz herzlichen Dank für Ihren Beitrag. Ihre Worte treffen die Richtung in die sich das Gesundheitswesen seit 2007 zu bewegen droht exakt. Zum Glück beginnen die Geister im Hintergrund nun zu denken, in Frage zu stellen und zu Diskussionen auch im Öffentlichen Bereich anzuregen.
Denn wie wollen sich ethische junge Ärzte in solch monopolistischen Strukturen mit dem Ziel "geringster Einsatz mit dem höchst zu erzielenden Gewinns" zu Ihrem Berufsbild bekennen? Viele ältere Ärzte haben mit ihrem Kassenaustieg ja schon auf ihren Beitrag geantwortet.
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