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am Dienstag, 10. Januar 2012 um 00:00
 

Distanz zum Zeitgeist

Ihre Abhandlung beginnt viel versprechend – und verliert sich dann in viele wertfrei aneinander gereihte Unverbindlichkeiten und landet letzten Endes beim Zeitgeist.

Dies ist sehr bedauerlich, denn es handelt sich doch zweifelsfrei um eine ethisch sehr relevante Fragestellung, welche ohne den historischen Kontext zu einer zwangsläufig recht oberflächlichen Betrachtung führt. Die Zwischenlandung beim „kompetenten Dienstleister“ entspricht zwar dem Zeitgeist, widerspiegelt aber nicht die besonderen Verantwortungen die der Arztberuf mit sich bringt.

Distanz zum Zeitgeist ist meines Erachtens essentiell, da dieser durchaus unterschiedliche unterschiedlichen Wertevorstellungen unterliegt, die z. B. zwischen 1933 und 1945 dazu geführt haben, dass sich sehr viele Ärzte bei den Nürnberger Prozessen verantworten mussten – andere mussten nur aufgrund ihrer Herkunft Deutschland verlassen oder wurden umgebracht – meines Erachtens waren es übrigens die, bei denen die traditionellen Werte der deutschen Ärzteschaft beheimatet waren.

Zur historischen Betrachtung dieser ethisch relevanten Frage gehören meines Erachtens auch die Ergebnisse der Motivationsforschung von Medizinern durch Prof. Rössler dar, die vor 10 Jahren publiziert wurden; seinerzeit staunten die Laien und die Fachwelt nicht schlecht als bewiesen wurde, dass Mediziner im Vergleich zur Normalbevölkerung eine signifikant geringer Toleranz gegenüber geistig behinderten Mitarbeitern haben.

Die idealistischen Motive, die Dörner unterstellt, lassen sich nach dieser Studie auch so formulieren, dass, wer den Arztberuf wählt, eben gewillt ist, eine gewisse soziale Dominanz zu entwickeln. Wenn diese verantwortet wahrgenommen wird, entspricht dies meines Erachtens am ehesten dem Erscheinungsbild eines guten Arztes.

Schlussendlich ist es bemerkenswert, dass das Wort „Hilfsbereitschaft“ offensichtlich für einen Arzt keinen zielführenden Wert mehr darstellen soll, denn es taucht in Ihrem Artikel kein einziges Mal auf – dabei handelt es sich doch meines Erachtens hierbei um einen zentralen Begriff der Hinwendung zum Mitmenschen. Die Reduktion auf Arbeitszeitgesetze, Ökonomie und Sachzwänge lässt natürlich für eine solche Eigenschaft, die zur Tradition des Arztbildes unabweisbar gehört, nur noch wenig Raum.

Wenn wir uns zur großen Gruppe der kompetenten Dienstleister zählen wird verkannt, wie viel Gutes und wie viel Schauerliches ein Arzt leisten kann.

Mit freundlichem Gruß

Prof. Dr. med. Chr. Ulrich

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