Medizin

„Dyskompetente“ Kollegen als Patienten-Risiko – US-Mediziner fordern jährliche Überprüfung der Ärzte

Montag, 23. Januar 2006

Boston - Nach Medikationsfehlern und Vergleichslisten zu Operationsergebnissen erfasst die Diskussion um die Patientensicherheit in den USA jetzt auch die Risiken, die von mentalen Krankheiten oder Persönlichkeitsstörungen des Arztes ausgehen könnten. Diese seien keineswegs selten, schreiben Harvard-Mediziner in den Annals of Internal Medicine (2006; 144: 107-115) und fordern ein jährliches „Monitoring“ der Ärzte.

Die überwiegende Anzahl von Behandlungsfehlern und iatrogenen Verletzungen können auf prozessurale Fehler im Medizinbetrieb zurückgeführt werden, meint Lucian Leape von der Harvard School of Public Health in Boston, der in den USA seit seinem Artikel im US-amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 1994; 272: 1851-7) als Begründer der „medical error“-Bewegung gilt. Sie hat in den letzten zwölf Jahren eine Flut von Publikationen ausgelöst, die sich überwiegend damit beschäftigten, wie Systemfehler bei der Rezeptierung oder bei anderen Abläufen im ärztlichen Alltag verhindert werden könnten. Neben diesen im weitesten Sinne organisatorischen Abläufen gibt es aber noch den Faktor „Mensch“, den Leape zusammen mit seinem Kollegen John Fromson jetzt thematisiert. Der Psychiater Fromson hat für die Massachusetts Medical Society ein Programm zur Identifizierung von „dyskompetenten“ Ärzten entworfen.

Ärzte können psychische Erkrankungen entwickeln, die ihre Professionalität gefährden. Dazu zählen beispielsweise Depressionen, Angststörungen, Substanzabhängigkeiten und Persönlichkeitsstörungen, aber auch körperliche Erkrankungen einschließlich des kognitiven Abbaus im Alter. Hinzu kommen noch arbeitsbedingte Ursachen wie Müdigkeit, Stress, Isolierung und der leichte Zugriff auf Medikamente. Wie häufig diese Störungen bei Ärzten sind, ist nicht bekannt. Dass sie aber auftreten, ist kaum zu bezweifeln. Das Lebenszeitrisiko von Depressionen liegt in der Allgemeinbevölkerung bei 16 Prozent. Ärzte sind vermutlich häufiger betroffen, glauben die Autoren. Ein Hinweis hierauf ist die bei männlichen Ärzten um 40 Prozent und bei Frauen um 100 Prozent höhere Rate an Suiziden. Sehr stark schwankend sind die Schätzungen zum Lebenszeitrisiko von Substanzabhängigkeiten bei Ärzten. Zwischen zwei und 18 Prozent aller Mediziner sollen einmal im Leben in dieser Hinsicht ein Problem haben.

Die Autoren gehen davon aus, dass mindestens ein Drittel aller Ärzte im Verlauf ihrer beruflichen Tätigkeit eine Phase erlebt, in der eine Erkrankung die Sicherheit der Patienten gefährden könnte. Danach gäbe es an einer Klinik mit hundert Ärzten im Durchschnitt immer einen bis zwei „dyskompetente“ Ärzte. Diese zu erkennen, sei nicht immer leicht, da viele mentale Erkrankungen im Berufsleben zuletzt manifest würden, nachdem sie bereits vorher Ehe- und Privatleben zerrüttet haben.

Für die Klinikleitung und die übrigen Ärzte komme es darauf an, die Zeichen zu erkennen. Zu den häufigsten Hinweise zählen die Autoren ein störendes („disruptives“) Verhalten der Ärzte, etwa der Gebrauch einer profanen oder respektlosen Sprache, erniedrigendes Verhalten (Beschimpfung des Personals als „dumm“), sexuell anzügliche Äußerungen, Wutausbrüche, das Herumwerfen mit Instrumenten oder Krankenakten, das Kritisieren anderer Kollegen vor den Patienten, negative Äußerungen über die Leistung anderer Ärzte, Grenzverletzungen bei Personal oder Patienten, unangemessene Eintragungen in Krankenakten (etwa Kritisierung der Behandlung anderer Ärzte) sowie ein unethisches oder unehrliches Verhalten.

In den USA haben nach Angaben von Leape und Fromson bereits viele Kliniken Verhaltenskodizes für Ärzte eingeführt. Dort seien Standards festgelegt, die Selbstverständlichkeiten definieren wie: „Alle Patienten und das Personal sind mit Respekt zu behandeln”. Die Einhaltung dieser Standards müsste einmal jährlich überprüft werden, fordern die beiden Harvard-Wissenschaftler. Dazu gehöre die vertrauliche Evaluierung der Kollegen und die Auswertung der Beschwerden von Patienten oder anderen Personen.

Die Kollegen sollten mit den Ergebnissen konfrontiert werden (ohne Preisgabe der Identität der Beschwerdeführer), damit dann unter Umständen rasch und angemessen reagiert werden könne. Darüber hinaus fordern Leape und Fromson die Entwicklung von Tests, mit denen die Kompetenz der einzelnen Ärzte regelmäßig beurteilt werden sollte. Die dazu notwendigen Instrumente könnten unmöglich von den einzelnen Kliniken entwickelt werden. Leape und Fromson sehen darin sogar eine nationale Aufgabe, denn professionelles Versagen der Ärzte gefährde die Gesundheit und die soziale Stellung der Patienten. Gefordert seien vor allem die Fachgesellschaften, deren Aufgabe in den nächsten Jahren die Entwicklung der Instrumente zur jährlichen Überprüfung der Ärzte sei. /rme

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

5.000 News Medizin

Fachgebiet

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige