Wie die Gehirne von Politikern funktionieren
Mittwoch, 25. Januar 2006
Atlanta/Georgia - Wie gelingt es Politikern verschiedener Parteien nur, auf der Basis der gleichen Fakten zu völlig unterschiedlichen Bewertungen zu gelangen? Die Antwort, die Psychologen auf der Jahrestagung der US-Society for Personality and Social Psychology gaben, ist wenig schmeichelhaft. Bei der Interpretation diskrepanter Fakten lassen die Politiker den Verstand beiseite. Ihr Gehirn reagiert rein emotional und aktiviert dabei die gleichen „Belohnungszentren“, die Drogenabhängigen einen „Kick“ verschaffen. Dabei lassen die Politiker das kognitive Karussell solange drehen, bis eine programmkonforme und emotional befriedigende Antwort gefunden wurde.
Dies sind nicht etwa die Hypothesen eines politikverdrossenen Psychologen, sondern die Ergebnisse eines medizinischen Experiments, das Drew Westen, der Leiter der Abteilung für klinische Psychologie an der Emory Universität in Atlanta, während des Präsidentschaftswahlkampfes 2004 in den USA durchgeführt hat. Mitglieder der Republikaner und der Demokraten wurden mit der funktionellen Kernspintomographie (fMRI) untersucht, während ihnen Dokumente zu den Kandidaten Bush und Kerry und einem politisch neutralen Schauspieler (Tom Hanks) vorgelegt wurden. Zunächst lasen die Probanden einen Abschnitt aus dem politischen Programm der Präsidentschaftskandidaten. Danach erhielten sie Nachrichten, die die Handlungen der Spitzenkandidaten in einem krassen Gegensatz zum Programm erscheinen ließen. Die Versuchsteilnehmer erhielten eine Bedenkzeit und sollten dann das Verhalten der Spitzenkandidaten bewerten. Schließlich wurde ihnen ein den Spitzenkandidaten exkulpierendes Dokument gereicht.
Was ging dabei im Kopf der Teilnehmer vor? Die fMRI kann zwar nicht die Gedanken lesen, auf den Bildern können die Forscher jedoch erkennen, welche Hirnzentren aktiv sind und welche inaktiv bleiben. Während die Probanden über das widersprüchliche Verhalten ihres Spitzenkandidaten grübelten, wurde vor allem der orbitale frontale Cortex aktiviert. Hier findet laut Westen eine emotionale Verarbeitung statt, und vermutlich auch die Entwicklung von regulatorischen Gegenstrategien. Ebenfalls aktiviert waren Hirnareale, die mit dem Erfahren unangenehmer Gefühle assoziiert sind und wo nach Aussagen der Psychologen die emotionale Konfliktverarbeitung stattfindet einschließlich der Beurteilung von Verzeihen und moralischer Verantwortung.
Funkstille herrschte dagegen im dorsolateralen präfrontalen Cortex, jenem Abschnitt des Gehirns, der mit dem vernünftigen Urteilen (einschließlich den bewussten Versuchen, die Gefühle zu unterdrücken) assoziiert ist. Hinzu komme noch eine Aktivierung jener Belohnungszentren im Gehirn, die Drogenkonsumenten jenen Kick verschaffen, der sie abhängig werden lässt.
Im Ergebnis können Westen zufolge gefühlsgetriebene Vorgänge zu voreingenommenen Urteilen führen, ohne dass dies von den Personen selbst noch wahrgenommen wird. Informationen, die rational nicht widerlegbar sind, werden so einfach ignoriert. Negative Emotionen wie Traurigkeit oder Abscheu treten gar nicht erst auf. Mit zunehmender Überzeugung werde das Urteilsvermögen so starr, dass die Politiker kaum noch lernfähig sind, urteilt Westen, der diesen Starrsinn übrigens nicht nur bei Politikern vermutet. Emotionale Voreingenommenheit könne überall dort die Entscheidungsfindung beeinflussen, wo Menschen ein starkes Interesse an bestimmten Ergebnissen hätten. Dies könne in Politik und Wirtschaft genauso der Fall sein wie bei Juristen und Wissenschaftlern. /rme
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