Anticholinerge Medikamente beeinträchtigen die kognitiven Fähigkeiten älterer Menschen
Mittwoch, 24. Mai 2006
Montpellier - Cholinesterase-Hemmer, die im Gehirn die Konzentration von Acetylcholin erhöhen, werden beim Morbus Alzheimer als Anti-Dementiva eingesetzt. Viele gesunde ältere Menschen werden hingegen mit Mitteln behandelt, die eine gegenteilige, nämlich anticholinerge Wirkung haben. Eine jetzt im Britischen Ärzteblatt publizierte Studie (BMJ 2006: doi:10.1136/bmj.38740.439664.DE) kann zeigen, dass diese Mittel die kognitiven Fähigkeiten gesunder Senioren bis zu einem Grad herabsetzen, der mit der Diagnose der Alzheimer-Vorstufe „mild cognitive impairment“ (MCI) vereinbar ist, auch wenn keine Demenz zu befürchten ist.
Nicht allen Ärzten dürfte bewusst sein, wie viele der Medikamente, die sie tagtäglich verschreiben, anticholinerge Effekte haben: Beschrieben sind sie für Antiemetika, Spasmolytika, Bronchodilatatoren, Antiarrhythmika, Antihistaminika, Analgetika, Antihypertensiva, Antiparkinson-Mittel, Kortikosteroide, Muskelrelaxanzien, Ulkusmedikamente und psychotrope Wirkstoffe (siehe auch Tabelle 1 im PDF). Diese Effekte sind bei älteren Menschen möglicherweise stärker ausgeprägt als bei jüngeren, da die Bluthirnsschranke im Alter durchlässiger wird und der Abbau der Medikamente generell verlangsamt ist. Studien zeigen, dass in US-Pflegeheimen mehr als 30 Prozent der Bewohner mehr als zwei Medikamente mit anticholinergen Eigenschaften einnehmen, 5 Prozent erhalten sogar mehr als 5 Mittel.
Unter den Teilnehmern des Eugeria-Projekts, einer longitudinalen Kohortenstudie in Montpellier, war der Anteil nicht ganz so hoch. Von den 372 Teilnehmern über 60 Jahren hatte etwa jeder Zehnte über längere Zeit ein Medikament mit anticholinerger Wirkung eingenommen. Bei der neurologischen Untersuchung zeigte sich, dass diese Patienten, verglichen mit Nicht-Anwendern anticholinerger Wirkstoffe, in verschiedenen kognitiven Leistungen beeinträchtigt waren. In den Tests erzielten sie schlechtere Ergebnisse bei Reaktionszeiten, Aufmerksamkeit, non-verbalem Gedächtnis, narrativem Erinnern, räumlichem Vorstellungsvermögen und Sprachaufgaben. Urteilsvermögen, Kurz- und mittelfristiges Memorieren von Wortlisten und implizite Gedächtnisfunktionen waren dagegen nicht häufiger beeinträchtigt als bei den Nicht-Anwendern.
Insgesamt waren die Störungen jedoch soweit ausgeprägt, dass die Gruppe um Karen Ritchie vom Hôpital La Colombière in Montpellier bei 80 Prozent der Anwender eine MCI diagnostizierte, während der Anteil bei den Nicht-Anwendern 35 Prozent betrug. Für die Anwendung von anticholinergen Mitteln errechnen die Altersforscher eine Odds Ration von 5,12 (p = 0,001), also ein mehr als fünffach erhöhtes Risiko.
Die MCI ist eine Vorstufe des Morbus Alzheimer, was aber nicht bedeutet, dass alle Menschen mit MCI zwangsläufig einen Morbus Alzheimer entwickeln. Außerdem dürfen Pathogenese und Ätiologie nicht verwechselt werden. Der Acetylcholinmangel mag am Zustandekommen der Symptome des Morbus Alzheimer eine Rolle spielen, er ist aber sicherlich nicht die Ursache. Dies bedeutet, dass die Wirkung der anticholinergen Medikamente reversibel ist. Tatsächlich fanden die Autoren nach einer bisherigen Beobachtungszeit der Studie von acht Jahren keinen Hinweis dafür, dass die Anwender anticholinerger Medikamente ein erhöhtes Risiko auf die Entwicklung einer Demenz haben. Von Bedeutung ist der Befund der MCI dennoch. Für die Patienten könnte die absurde Situation eintreten, dass sie mit „pro“-cholinergen Medikamenten (z.B. Cholinesterase-Hemmer) behandelt werden, um die Wirkung von „anti“-cholinergen Medikamente aufzuheben. /rme
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