Streit um Impfpflicht für Nutztiere - Vogelgrippe-Fälle nehmen weiter zu
Dienstag, 21. Februar 2006
Berlin - Die wachsende Zahl von Vogelgrippe-Fällen bei Wildvögeln in Mecklenburg-Vorpommern führt zu einem Streit über eine mögliche Pflichtimpfung für Nutzgeflügel. Nach Bundesagrarminister Horst Seehofer (CSU) sprach sich auch der Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) auf Riems, Thomas Mettenleiter, gegen eine solche Maßnahme aus. Impfen sei in diesem Fall nicht sinnvoll. Es schütze nicht vor der Ausbreitung des Virus, sondern verschleiere es eher, warnte Mettenleiter.
Unterdessen stieg die Zahl der verendeten Tiere mit dem gefährlichen Erreger H5N1 auf 103, davon 101 auf Rügen. Nach FLI-Angaben wurden 22 weitere Tiere mit dem Virus gefunden. Dabei handele es sich um 18 Schwäne, drei Kanadagänse und einen Mäusebussard.
Die Bundeswehr kämpft inzwischen mit fast 300 Hilfskräften gegen die Vogelgrippe. Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) sagte, die mit Schutzanzügen ausgestatteten Helfer seien zum Großteil mit dem Einsammeln toter Vögel im Küstenbereich beschäftigt. Der Landwirtschaftsausschuss des Bundestages wird sich am Mittwoch auf einer Sondersitzung mit der Tierseuche beschäftigen. In Brüssel berieten die EU-Agrarminister am Dienstag über entsprechende Richtlinien für eine europaweite vorbeugende Impfung von Geflügel.
Der stellvertretende Vorsitzende des Bundestags-Agrarausschuss, Manfred Zöllmer (SPD), bezeichnete inzwischen die von der Ausschuss-Vorsitzenden Bärbel Höhn (Grüne) vorgeschlagenen Impfungen von gesunden Zootieren und privatem Hausgeflügel als falsch. Damit sollte erst dann begonnen werden, wenn es künftig so genannte Marker-Impfstoffe gebe, die eine Unterscheidung zwischen an der Vogelgrippe erkrankten und dagegen geimpften Tieren ermögliche.
Eine Woche nach dem Auffinden der ersten infizierten Tiere auf der Insel Rügen fordern derweil die deutschen Bauern finanzielle Entschädigungen für etwaige Einbußen durch die Vogelgrippe. Sollten umfangreiche Schlachtungen nötig werden, müsste der Staat einspringen. Die Tierseuchenkassen entschädigten nur einen Teil des tatsächlichen Schadens, sagte der Generalsekretär des Bauernverbandes Helmut Born. Nach dem Willen des Vize-Vorsitzenden des Agrarausschusses im EU-Parlament, Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf (Grüne), sollen Hilfen hierzu auch aus Brüssel fließen. Der niedersächsische Landwirtschaftsminister Hans-Heinrich Ehlen (CDU) hingegen bezeichnete Entschädigungs-Forderungen als verfrüht.
Auch die Debatte über die Vorratshaltungen an Medikamenten für den Fall einer Vogelgrippe-Pandemie hält an. Die Länder-Gesundheitsminister wollen am Donnerstag auf einer Sondersitzung in Berlin prüfen, ob ihre Lagerbestände ausreichen, sagte der Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz, Sachsen-Anhalts Ressortchef Gerry Kley (FDP). Er kritisierte die Forderung von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD), Vorräte für 20 Prozent aller Bürger anzulegen. „Es sollte jetzt keinen Wettbewerb geben, wer die größten Vorräte anlegt“, sagte Kley. /ddp
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