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Viagra gegen Morbus Crohn?

Freitag, 24. Februar 2006

London - Der Morbus Crohn ist möglicherweise nicht das Ergebnis einer Überreaktion des Immunsystems, wie bisher allgemein angenommen wird. Stattdessen könnten wichtige Bestandteile der akuten Entzündungsreaktion gestört sein, wie britische Forscher jetzt im Lancet (2006; 367: 668-678) zeigen. Sollten sie Recht behalten, wären die derzeitigen therapeutischen Konzepte, die weitgehend auf eine Immunsuppression setzen, zu überdenken. Es könnten sich neue Behandlungsansätze eröffnen, bis hin zum Einsatz der „Potenzpille“ Viagra, die eine durchblutungssteigernde Wirkung im Darm haben könnte.

Die Ursache des Morbus Crohn liegt völlig im Dunkeln. Die meisten Experten gehen von einer abnorm gesteigerten Reaktion des Immunsystems aus, sei es als Reaktion auf Bakterien, an denen im Darm kein Mangel besteht, sei es als Autoimmunreaktion auf ein bisher aber nicht identifiziertes Antigen. Einig war sich die Forschung darin, dass die starke Entzündungsreaktion die Ursache für die Veränderungen der Darmwand sind, die in schweren Fällen auf Nachbarorgane übergreifen und oft auch durch die Entfernung von Darmabschnitten nicht beherrschbar sind. Die Gruppe um Anthony Segal vom University College in London hat die Entzündungsreaktion detailliert untersucht und  dabei Entdeckungen gemacht, welche die gegenwärtigen pathogenetischen Konzepte auf den Kopf stellen. 

Die Forscher untersuchten die Reaktion von neutrophilen Granulozyten auf Traumata im Darm (nach einer intestinalen Biopsie) und auf der Hautoberfläche (nach einer Hautabschürfung). Erwartet wurde ein deutlicher Anstieg in der Aktivität dieser Zellen. Stattdessen war die Rekrutierung der „Neutrophilen“ deutlich behindert. Es fehlte an proinflammatorischen Zytokinen wie Interleukin 8 und Interleukin 1beta, welche in der akuten Entzündungsreaktion normalerweise in höherer Konzentration vorhanden sind. Ihre Freisetzung war nach einer Reizung der Makrophagen mit Wundflüssigkeit weniger als halb so hoch wie bei Makrophagen von gesunden Probanden. Eine weitere Überraschung war die Reaktion in der Haut nach einer intradermalen Injektion von E.coli-Bakterien. Bei gesunden Kontrollpersonen erhöhte sich in 24 Stunden der Blutfluss in der Gegend der Entzündung auf etwa das Zehnfache. Morbus-Crohn-Patienten zeigten dagegen deutlich niedrigere Blutflusswerte. 

Aus ihren Experimenten folgern die Forscher, dass die beim Morbus Crohn ganz zweifellos vorhandenen entzündlichen Läsionen nicht die Folge einer übersteigerten, sondern einer gestörten Immunreaktion sind. Im Darm haben die Neutrophilen die Aufgabe alle Bakterien zu eliminieren, denen es gelungen ist, die Schleimhautbarriere zu überwinden. Da die Neutrophilen ausfallen, bleibt die Arbeit gewissermaßen an den Makrophagen hängen. Da diese die Erreger nicht vollständig zerlegen können, lagern sie sie in jenen Granulomen ab, die zu den zentralen histologischen Kennzeichen des Morbus Crohn gehören und in der Vergangenheit viele Forscher vermuten ließen, dass Mykobakterien die Ursache der Erkrankung sein könnten. Segal vermutet, dass es zum Morbus Crohn kommt, weil es dem Körper nicht gelingt, auf eine Verletzung der Schleimhautbarriere (im Darm eine alltägliche Situation) angemessen durch Alarmierung der Neutrophilen zu reagieren.

Wenn Segal und Kollegen Recht behalten, dann müsste der Einsatz von immunsupprimierenden Medikamenten in einem anderen Licht betrachtet werden. An der Wirkung dieser Medikamente beim Morbus Crohn besteht zwar kein Zweifel. Die Medikamente könnten jedoch gleichzeitig die Versuche des Immunsystems, mit den eingedrungenen Bakterien fertig zu werden, wenigstens teilweise untergraben. 

Besser wäre es, die Entzündungsreaktion des Körpers zu fördern. Dies könnte durch die Gabe von Interleukin 8 geschehen. Dieses Zytokin hat eine stark „anziehende“ Wirkung auf Neutrophile. In der induzierten Hautläsion gelang es den Forschern tatsächlich, die Zahl der Neutrophilen durch Interleukin 8 zu normalisieren. Ein anderer Ansatz wäre der Einsatz von Vasodilatoren, die über eine gesteigerte Durchblutung ebenfalls die Zufuhr neuer Abwehrzellen beschleunigen könnten.

Zu den besonders rasch und stark wirkenden Vasodilatatoren gehört das Potenzmittel Sildenafil, bekannt als Viagra. Bisher wird es vor allem eingesetzt, um die Füllung der Schwellkörper im Penis zu beschleunigen. Neuerdings wird das Mittel mit Erfolg auch zur Senkung der pulmonalen Hypertonie eingesetzt. Ob demnächst noch der Einsatz bei einer entzündlichen Darmkrankheit hinzukommt, lässt sich derzeit nicht abschätzen. Die Arbeit der britischen Forscher könnte jedoch klinischen Studien nach sich ziehen. Deren Erfolg wäre dann auch der Beweis für die neue und aus heutiger Sicht sehr ungewöhnliche Hypothese. /rme

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