EMEA lehnt Antithrombin alpha aus Ziegenmilch ab
Freitag, 24. Februar 2006
London - Die europäische Arzneimittelbehörde EMEA hat den Zulassungsantrag für ein Medikament abgelehnt, das das erste von gentechnisch veränderten Säugetieren produzierte Arzneimittel in der Medizin hätte werden können. Die Ablehnung wurde mit Schwächen der klinischen Studien begründet. Der Hersteller strebt jetzt eine Zulassung in den USA an.
ATryn® von der GTC Biotherapeutics enthält Antithrombin alpha. Als Indikation strebt die Firma aus Framingham/Massachussetts den Einsatz bei Operationen und in der Geburtshilfe an. In diesen Situationen sind Patienten mit angeborenem Antithrombin-Mangel einer erhöhten Gefahr von thromboembolischen Komplikationen ausgesetzt, die durch andere Medikamente nicht ausreichend abgefangen werden können.
Die kongenitale Antitrombin Defizienz ist allerdings eine seltene Erkrankung (Häufigkeit 1:3000 bis 1:5.000), was - neben den Kosten klinischer Studien - erklären mag, warum GTC Biotherapeutics nur 14 Patienten für ihre Studie fanden. Darunter waren 9 Schwangere, bei denen das Mittel zur Vermeidung thromboembolischer Komplikationen nach der Geburt eingesetzt wurde. Diese Patienten wurden vom Committee for Medicinal Products for Human Use (CHMP) der EMEA von der Bewertung ausgeschlossen, sodass die Zulassung nur auf den Daten von 5 Patienten beruht hätte. Das war den Verantwortlichen der EMEA zu wenig. Außerdem kritisierte die CHMP, dass der Hersteller keine Daten zur immunologischen Sicherheit vorlegen konnte und sich der Produktionsprozess während der Studie verändert hat. Es war deshalb nicht sicher, dass die Patienten nach der Zulassung das gleiche Präparat wie in der Studie erhalten hätten.
Die Firma kündigte an, dass sie jetzt einen Antrag bei der amerikanischen FDA stellen werde, wobei sich die US-Firma darüber im Klaren ist, dass sie mit derartig dürftigen klinischen Daten auch dort keine Zulassung erreichen wird. GTC Biotherapeutics ist deshalb im November letzten Jahres eine Partnerschaft mit dem Pharmakonzern Leo eingegangen. Außerdem läuft zurzeit eine größere internationale Studie. Man gewinnt den Eindruck, als sei der Antrag bei der EMEA eher eine Art Versuchsballon gewesen.
ATryn wäre das erste gentechnische Medikament, das nicht wie bisher üblich von Bakterien oder mithilfe von Zellkulturen hergestellt wird. Diese Produktion gilt als sehr aufwendig. Die Kosten für eine Fabrik werden mit mehreren hundert Millionen Euro angegeben. Die Produktion in lebenden Säugetieren, die das Protein über die Milch ausscheiden, wäre vermutlich wesentlich günstiger. GTC Biotherapeutics hatte das Gen für das menschliche Eiweiß in das Genom einer Ziege integriert. Nach den Angaben des Herstellers würde eine einzige Ziege während eines Jahres mit ihrer Milch so viel Antithrombin alpha produzieren, wie in 90.000 Blutspenden enthalten sind. Ein anderer Vergleich: Für die Herstellung einer einzigen Dosis werden derzeit 500 Liter Plasma benötigt. 250 Ziegen könnten innerhalb eines Jahres 100.000 Dosierungen produzieren.
Obwohl die Technologie seit 15 Jahren bekannt ist, hat sie sich bisher nicht durchsetzen können. Ob dies am mangelnden Interesse der großen Produzenten lag, die mit teuren Medikamente mehr Geld verdienen können als mit billigen, oder ob Fragen der Reinigung und Aufbereitung der Wirkstoffe aus dem Rohstoff Milch eine Rolle spielten, lässt sich von kaum beurteilen. Tatsache ist aber, dass weitere kleine Biotechnologie-Unternehmen an Medikamenten arbeiten, die mithilfe von transgenen Säugetieren hergestellt werden. Dazu gehört beispielsweise das niederländische Unternehmen Pharming, das einen C1-Inhibitor entwickelt, der von Kaninchen produziert werden soll. Indikation wäre das hereditäre Angioödem. Die US-Firma PharmAthene möchte dem US-Verteididungsministerium das Enzym Butyrylchoinesterase verkaufen, das Nervengase im Körper unschädlich machen kann. Produzent von Protexia® wären wie bei ATryn Gen-Ziegen. /rme
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