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Zytostatikum wirksam gegen Vogelgrippe?

Donnerstag, 2. März 2006

Stockholm - Die Ähnlichkeit im Krankheitsverlauf von H5N1-Influenza und einer seltenen Immunerkrankung bei Kindern veranlasst einen schwedischen Pädiater zu einem ungewöhnlichen Therapievorschlag. Er möchte die Patienten mit dem Zytostatikum Etoposid behandeln, das die Letalität der Hämophagozytischen Lymphohistiozytose (HLH) deutlich gesenkt hat, schreibt Jan-Inge Henter vom schwedischen Karolinska Instituts im Lancet (2006: doi: 10.1016/SO140-6736(06)68232-9) in einem Beitrag, der nur zehn Tage nach Einreichung des Manuskripts auf der Internetseiten publiziert wurde.

Die hohe Letalität der aviären Influenza beim Menschen von etwa 50 Prozent ist nicht allein Folge der Zerstörungen durch das H5N1-Virus. Ein beträchtlicher Teil der Schäden wird durch eine Überreaktion des Immunsystems verursacht, das große Mengen von Zytokinen freisetzt. Es kommt zu einem immunologischen „Amoklauf“, der in keinem Verhältnis mehr zu dem Anlass der Immunreaktion steht. Ähnliche pathogenetische Zusammenhänge bestehen laut Henter auch bei der HLH, einer sehr seltenen Erkrankung, die überwiegend bei Kindern auftritt. Ihr Kennzeichen ist eine erhöhte Zahl von Histiozyten (und Lymphozyten) im Blut. Diese Zellen reagieren auf eine Infektion, etwa mit dem an sich harmlosen Epstein-Barr-Virus mit einer massiven Freisetzung von Zytokinen, die eine für die Kinder tödliche Immunreaktion auslösen. Bei der HLH wurden mit einer Etoposid-basierten Chemotherapie gute Erfahrungen gemacht. Das Zytostatikum induziert bei den Immunzellen eine Apoptose und reduziert dadurch ihre Zahl. 

Der Vorschlag einer immunsupprimierenden Therapie ist an sich nicht neu. Bisher wurden aber vor allem Steroide eingesetzt. Auf die Idee, das Zytostatikum Etoposid einzusetzen, ist dagegen noch niemand gekommen. Henter hofft, dass der Einsatz von Etoposid die hohe Letalität der H5N1-Influenza senken könnte, die derzeit auch unter Ausschöpfung aller medizinischen Möglichkeiten noch bei etwa 50 Prozent liegt. 

Eigentlich müsste diese Therapie zunächst im Tierversuch untersucht werden. Da Etoposid jedoch bereits in der Chemotherapie und bei der HLH eingesetzt wird, könnte diese Stufe übersprungen werden. Henter schlägt deshalb den Einsatz bei Patienten vor und gibt sogar Dosierungsempfehlungen. Der New Scientist will erfahren haben, dass Ärzte der Yüzüncü Yil Universität ein ähnliches Regime bei den ersten türkischen Patienten erwogen haben. Ob sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Vorschlägen Henters anschließen wird, bleibt abzuwarten. Für Ende März hat die WHO Experten zu einer Tagung eingeladen, wo die Therapie der H5N1 diskutiert werden soll. /rme 

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