Medizin

GERAC-Studie: Akupunktur in der Migräne-Prävention Medikamenten gleichwertig

Donnerstag, 2. März 2006

dpa

Essen - Die bereits im November letzten Jahres auf einer Pressekonferenz mitgeteilten Ergebnisse der Deutschen Akupunkturstudie (GERAC) zur Prophylaxe von Migräne-Anfällen sind jetzt in Lancet Neurology (2006; doi:10.1016/S1474-4422(06) 70382-9) publiziert worden. Die Publikation bestätigt die Angaben der Presse, wonach die Akupunktur die Frequenz der Migräne-Attacken ebenso gut senkt wie die derzeitige medizinische Standardtherapie. Die Akupunktur war jedoch auch dann wirksam, wenn sie nicht nach den Regeln der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) durchgeführt wurde. Die protektive Wirkung war selten vollständig: Neun von zehn Patienten benötigten weiterhin Medikamente zur Akutbehandlung ihrer Attacken.

Der primäre Endpunkt der Studie war die Reduktion der Kopfschmerztage. Diese waren in den vier Wochen vor der Studie von den 960 Patienten protokolliert worden, die danach auf die drei Studienarme randomisiert wurden. Je ein Drittel der Patienten sollte eine echte Akupunktur, eine Schein-Akupunktur oder eine medikamentöse Prophylaxe erhalten. Da die meisten Patienten sich aber in der Hoffnung auf eine Akupunktur zur Teilnahme an der Studie bereit erklärt hatten, stiegen 106 von 308 der auf die medikamentöse Therapie randomisierten Patienten vor Beginn der Studie aus. Von diesen 202 Patienten blieben nach diversen Protokollverletzungen noch 83 Patienten für die Auswertung übrig.

Protokollverletzungen gab es auch in den anderen Gruppen, doch die hohe Aussteigerrate ist nach Aussage der Studiengruppe um Hans-Christoph Diener von der Universität Duisburg-Essen eine der Schwächen dieser Teil-Studie des GERAC-Projektes (weitere Studien betreffen Lumbalgie, Spannungskopfschmerz und Gonarthrose). Eine weitere Einschränkung ergibt sich aus der Tatsache, dass die Therapeuten wussten, ob sie eine echte oder eine Schein-Akupunktur durchführten. Denkbar ist, dass sie dies unbewusst den Patienten signalisiert haben, auch wenn die Regeln der Studie vorsahen, dass sich die verbale Kommunikation zwischen Therapeut und Patient auf das Notwendigste beschränken sollte, um die Blindung nicht zu gefährden. Auch ist nicht auszuschließen, dass der eine oder andere Patient sich vor der Behandlung mit Akupunktur und TCM beschäftigt hat und sich gewundert hat, dass (in der Scheinakupunktur) gar keine Nadeln am Kopf gesetzt wurden. Das sah das Protokoll vor, weil sich am Kopf besonders viele Akupunkturpunkte befinden. Damit wurde der Scheinakupunktur aber auch die Möglichkeit einer unspezifischen Nadelwirkung im Kopfbereich verwehrt.

Diese und andere Kritikpunkte dürften in den nächsten Wochen vor allem die Experten beschäftigen, während weite Kreise der Öffentlichkeit in Deutschland offenbar von der Wirkung der Akupunktur überzeugt sind. In einer Allensbach-Umfrage gaben 61 Prozent der Befragten an, dass sie eine Kombination von TCM und Schulmedizin begrüßen würden.

Durch die jetzt vorgelegten Studienergebnisse dürften sich viele bestätigt fühlen. Die „echte“ Akupunktur und die konventionelle prophylaktische Medikation (mit Betablockern, Flunarizin oder Valproinsäure) erzielten im primären Endpunkt der Studie, der Reduktion der Migränefrequenz, gleich gute Ergebnisse. Die „echte“ Akupunktur senkte sie um 2,3 Tage (in vier Wochen), unter den Medikamenten waren die Patienten 2,1 Tage weniger von Kopfschmerzen geplagt als vor Therapiebeginn. Als „überraschend“ wirksam erwies sich auch die Scheinakupunktur. Sie senkte die Zahl der Migränetage um 1,5 Tage. Die Unterschiede zwischen den drei Studienarmen waren nicht signifikant unterschiedlich, sodass nicht auszuschließen ist, dass die Akupunktur auch dann wirkt, wenn sie beispielsweise von in der TCM nicht ausgebildeten Ärzten durchgeführt würde. 

Wunder sind von allen drei Therapien nicht zu erwarten. Vor der Behandlung hatten die Patienten etwa 6 Migränetage pro Monat gehabt, und keine der Behandlungen konnte die Schmerzattacken vollständig verhindern. In allen drei Armen der Studie benötigten etwa 90 Prozent der Patienten weiterhin Akutmedikamente.

Für die Krankenkassen als Initiatoren der Studie stellt sich jetzt die Frage, ob sie die Akupunktur in ihren Leistungskatalog aufnehmen sollen. Dagegen sprechen dürften die hohen Kosten der zeitintensiven Akupunktur. Es lässt sich unschwer vorhersehen, dass eine Entscheidung gegen die Akupunktur zum Vorwurf einer Zweiklassenmedizin führen wird, wonach Privatpatienten sich an Akupunktursitzungen in angenehmer Umgebung erfreuen können, während sich Kassenpatienten mit den billigen (und Nebenwirkungen auslösenden) Medikamenten begnügen müssen. Dass auch die Akupunktur nicht ganz ungefährlich ist, dürfte dabei leicht übersehen werden. /rme

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