Hirnveränderungen durch Krebsmedikament Avastin®?
Freitag, 3. März 2006
Stanford/Milwaukee/San Francisco - In den USA sind zwei Patienten nach der Behandlung mit dem neuartigen Krebsmedikament Bevacizumab (Avastin) an seltenen Hirnveränderungen erkrankt, die nach Absetzen des Medikamentes jedoch reversibel waren. Der Hersteller untersucht einen weiteren Fall und will die Fachinformation ändern.
Die Erkrankungen wurden von Medizinern der Universitäten Stanford (Kalifornien) und Milwaukee (Wisconsin) in Leserbriefen im New England Journal of Medicine (NEJM 2006; 354: 980-982) mitgeteilt. Es handelt sich dabei um die so gennante reversible posteriore Leukenzephalopathien (RPLS), die 1996 von der Neurologin Judy Hinchey erstmals beschrieben wurden und sehr selten sind. In der englischsprachigen Literatur seien bisher nur 82 Fälle beschrieben, schreiben Peter Glusker und Mitarbeiter der Stanford Universität. Da zwei oder drei Erkrankungen bei Patienten auftraten, die ein neuartiges Medikamente erhalten hatten, das in den USA seit Februar 2004 auf dem Markt kam (in Deutschland seit Januar 2005), ist ein Zusammenhang nicht auszuschließen.
Die RPLS führt zu rasch progredienten neurologischen Symptomen, die sehr unterschiedlich sein können. Da häufig die hinteren Abschnitte des Großhirns betroffen sind, gehören oft Sehstörungen bis hin zur kortikalen Blindheit dazu, die auch bei den beiden jetzt beschriebenen Patienten auftraten. Typisch für die RPLS sind außerdem Lethargie, Verwirrung oder kognitive Störungen, epileptische Anfälle sowie heftige Kopfschmerzen. In der Kernspintomographie werden dann ausgedehnte hyperintense Läsionen sichtbar, die häufig subkortikal lokalisiert sind, also im Bereich der distalen Blutgefäße.
Eine Störung der Bluthirnschranke in diesem Bereich gilt als Ursache der RPLS. Als Auslöser werden Medikamente, etwa Immunsuppressiva, genannt oder aber ein stark erhöhter Blutdruck. Eine extreme Hypertonie ist aber eine bekannte Nebenwirkung von Bevacizumab, weshalb der Hersteller auch zu einer antihypertensiven Begleitbehandlung rät. Bei den beiden vorgestellten Patienten wurden Blutdruckwerte von 178/98 mm Hg und 172/100 mm Hg gemessen, mit starken Fluktuationen, was nicht ausschließt, dass die tatsächlichen Werte zwischenzeitlich noch höher gewesen sein könnten.
Nach dem Absetzen von Bevacizumab kam es bei beiden Patienten zu einer raschen Besserung, obwohl eine Patientin zwischenzeitlich einen leichten Schlaganfall erlitt, eine bekannte Komplikation des RPLS, die anders als das RPLS selbst nicht immer reversibel sein dürfte. Der Hersteller Genentech teilte in einem weiteren Leserbrief mit, dass derzeit ein dritter Fall untersucht werde. Man gehe jedoch davon aus, dass es sich um eine seltene Komplikation handele. Schließlich seien bisher mehr als 60.000 Patienten mit Bevacizumab behandelt worden, ohne dass eine RPLS aufgefallen wäre. Dass nicht vorhersehbare Nebenwirkungen aber durchaus übersehen werden können, ist auch dem Hersteller bewusst.
Sicherheitshalber werde die globale Datenbank zu Avastin noch einmal ausgewertet, wird versichert. Genentech kündigte außerdem eine Änderung der Fachinformation an, um die Ärzte auf diese mögliche Komplikation hinzuweisen. /rme
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