Darmstadt - In der deutschen Pharmabranche steht eine Großfusion an: Der Darmstädter Pharma- und Chemiekonzern Merck bietet 14,6 Milliarden Euro für den Berliner Konkurrenten Schering, wie das Unternehmen am Montag mitteilte. Mit der größten Fusion seit dem Zusammenschluss von Hoechst und Rhône-Poulenc zu Aventis 1999 würde Merck zur deutschen Nummer eins im Pharmabereich noch vor Bayer und Boehringer Ingelheim. Ziel sei es, „ein hochkarätiges Pharma- und Chemieunternehmen mit Sitz in Deutschland zu Schaffen“, sagte der Vorsitzende des einflussreichen Merck-Familienrates, Jon Baumhauer. Schering wehrt sich gegen die feindliche Übernahme.
Ab Ende März will Merck den Schering-Eignern 77 Euro pro Aktie anbieten. An der Börse war am Montag mehr zu verdienen: Die Schering-Aktie machte einen gewaltigen Sprung um gut 25 Prozent auf 83,75 Euro. Das Papier von Merck gab dagegen um 2,6 Prozent nach und notierte am Montagnachmittag mit 81,50 Euro.
Das Angebot sei unerwünscht und zu niedrig, sagte Schering-Chef Hubertus Erlen. Die beiden Unternehmen führten auch keine Gespräche, betonte er. Merck sieht das anders. „Natürlich haben wir mit Schering gesprochen - und das mehrfach“, sagte Merck-Chef Michael Römer. Die Gespräche hätten jedoch nicht das gewünschte Ergebnis gebracht, ergänzte Aufsichtsratschef Wilhelm Simson. Er wolle dennoch erneut bei Erlen anklopfen, um die Gespräche fortzusetzen.
Merck, die weltweite Nummer eins bei Flüssigkristallen für Flachbildschirme, will mit dem Zukauf sein Pharmageschäft ausbauen und sich auf diese Weise in die beiden größten Märkte USA und Japan einkaufen. Die Darmstädter beschäftigen sich mit Tumorerkrankungen wie Krebs und sind einer der größten Hersteller von Generika, also Nachahmerprodukten. Schering ist Marktführer bei Verhütungsmitteln. Bekanntestes Produkt ist die Anti-Babypille Yasmin. Zudem setzen die Berliner auf Wirkstoffe gegen schwere Krankheiten des zentralen Nervensystems wie Multiple Sklerose, auf Kontrastmittel und ebenfalls auf die Krebsforschung. Die Geschäfte beider Konzerne überlappen sich daher nur wenig. Kartellrechtliche Probleme erwartet Merck nicht.
Merck wolle sein Geschäft mit Verhütungsmitteln auf Schering übertragen, sagte Pharmachef Elmar Schnee. Zwar werde Berlin auch künftig eine „wichtige Rolle“ spielen, sagte Römer. Hauptsitz bleibe aber Darmstadt. Ob und wie viele Arbeitsplätze einem möglichen Zusammenschluss zum Opfer fallen würden, nannte Römer nicht. Es sei nicht das Ziel dieser angestrebten Fusion, Kosten durch den Abbau von Stellen einzusparen. Wie dann die angepeilten Einsparungen von 500 Millionen Euro jährlich ab 2009 zustande kommen sollen, blieb vorerst offen.
Bei Merck und Schering scheint nur auf den ersten Blick der Kleinere den Größeren schlucken zu wollen. Denn obwohl Merck im Mittelwerteindex MDax und Schering im Deutschen Aktienindex (Dax) notiert ist, sind die Darmstädter größer als die Berliner: Im vergangenen Jahr setzte Schering 5,3 Milliarden Euro um, Merck 5,9 Milliarden Euro. Unter dem Strich blieb den Berlinern ein Gewinn von rund 620 Millionen Euro, den Darmstädtern von knapp 660 Millionen Euro.
Die über 300 Jahre alte Merck ist noch ein klassisches Familienunternehmen - 73 Prozent der Anteile sind in ihrem Besitz. Um die Übernahme zu finanzieren, lege die Familie eine Milliarde Euro auf den Tisch, sagte Römer. Hinzu kämen Kredite und eine Kapitalerhöhung. /afp
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