Medizin

Psychiatrie: Jeder zweite Autor des DSM-IV mit Interessenskonflikten

Donnerstag, 20. April 2006

Boston - Mehr als die Hälfte aller Autoren des aktuellen Diagnostic and Statistical Manual (DSM-IV), des weltweit einflussreichsten Handbuchs in der Psychiatrie, hatten wirtschaftliche Interessenskonflikte mit der Pharmaindustrie. Dies ergab eine Studie in Psychotherapy and Psychosomatics, die in den US-Medien für große Aufregung sorgte.

Die vierte und aktuelle Version des „Diagnostisches und Statistisches Handbuch Psychischer Störungen“, so die wörtliche Übersetzung, erschien im Jahr 1994. Eine überarbeitete Version wurde 2000 publiziert. Das Werk, das von der American Psychiatric Association herausgegeben und gelegentlich auch als „Psychiatrie-Bibel” bezeichnet wird, enthält genaue Beschreibungen aller psychiatrischen Erkrankungen. Damit setzt es Normen, die darüber entscheiden, ob psychische Phänomene als krankhaft und damit behandlungsbedürftig gelten. Das ist in der Psychiatrie nicht immer unumstritten und auch einem kulturellen Wandel unterworfen.

Seit einiger Zeit mehren sich die Bedenken, das DSM-IV könnte in einer anderen Hinsicht in eine Schieflage geraten sein. Viele Definitionen von Krankheiten schienen wie geschaffen zu sein für den Einsatz bestimmter Medikamente. Ein häufig genanntes Beispiel ist die Soziophobie, also die Angst, sich in die Gesellschaft anderer Menschen zu begeben. Diese Störung kann durch Antidepressiva behandelt werden, und manche Kritiker hatten fast den Eindruck, dass alle schüchternen Menschen zu Patienten gestempelt würden, um sie zu behandeln. 

Vor diesem Hintergrund sorgt die Analyse von Lisa Cosgrove, einer Psychologin der Universität von Massachusetts in Boston, für Irritationen. Die Studie war am Donnerstag noch nicht im Internet publiziert. Die US-Medien zitierten jedoch die wesentlichen Ergebnisse. Danach hatten 95 der 170 Autoren des DSM-IV in den Jahren 1989 bis 2004 finanzielle Beziehungen zur Pharmaindustrie. In einigen Bereichen wie der Behandlung von schweren mentalen Störungen sollen sogar 100 Prozent der Autoren Interessenkonflikte gehabt haben. Unklar bleibt, wie viele dieser finanziellen Beziehungen bereits vor dem Verfassen des Manuals bestanden. 

Gegenüber den Medien erklärte Cosgrove, was sie zu den Recherchen bewogen habe. Ihr war die Zusammensetzung eines Panels aufgefallen, das sich mit der Frage beschäftigte, ob das prämenstruelle Syndrom eine psychiatrische Störung sei. Fünf von sechs Experten hätten finanzielle Beziehungen zu der Firma Eli Lilly gehabt, die damals genau diese Indikation für das Antidepressivum Fluoxetin (Prozac®) anstrebte.

Die American Psychiatric Association (APA) kündigte an, dass in der nächsten Version des DSM die Interessenkonflikte der Autoren offen gelegt würden. Die Publikation des DSM-V ist jedoch erst für das Jahr 2011 vorgesehen. Ein Vertreter der APA meinte, im Jahr 1994, als das DSM-IV erstellt wurde, habe auch in anderen Bereichen niemand nach möglichen Interessenkonflikten von Autoren wissenschaftlicher Artikel gefragt. Was allerdings nicht ausschließt, dass sie bereits damals bestanden.

Dass die finanziellen Beziehungen möglicherweise die Aussagen von Experten beeinflussen, ist vielen erst in den letzten Jahren bewusst geworden. Angestoßen wurde die Diskussion auch durch Publikationen von Sheldon Krimsky von der Tufts Universität. Der Mitautor der jetzigen Studie hatte sich unter anderem durch sein Buch „Science in the Private Interest“ einen Namen gemacht. /rme

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