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Studie: Qualitätskontrolle in Klinik erkennt ärztlichen “Todesengel”

Donnerstag, 11. Mai 2006

Cambridge - Die Affäre um den Hausarzt Harold Shipman, der über Jahrzehnte hinweg Patienten mit Morphin getötet haben soll, würde an einer Klinik mit einer Qualitätskontrolle bald entdeckt. An einem operativen Zentrum fiel ein „virtueller“ Shipman in der Anästhesie nach 8 Monaten und in der Chirurgie nach 10 Monaten auf, wie aus einer Studie in Anaesthesia (2006; 61: 423-426) hervorgeht. 

Acht bis zehn Monate sind eine lange Zeit, in der ein Serienmörder in ärztlichem Gewand viele Menschen umbringen könnte. Der britische Hausarzt Harold Shipman soll jedoch über ein Vierteljahrhundert immer wieder Patienten getötet haben. Eine von der britischen Regierung eingesetzte Kommission vermutet, dass Shipman etwa 250 Morde begangen hat. Verurteilt wurde er im Jahr 2000 wegen 15 Morden, die der ehemalige Arzt – er wurde aus dem Berufsregister gestrichen – bis zu seinem Suizid in der Gefängniszelle stets bestritt. Doch die Indizien sprachen klar gegen den Ex-Mediziner, der sich durch gefälschte Testamente auch noch bereichert hatte.

Aufgeflogen war Shipman seinerzeit, weil einer aufmerksamen Kollegin die hohe Sterberate vor allem bei älteren Patientinnen aufgefallen war, deren Leichen Shipman häufig feuerbestatten ließ, um seine Spuren zu beseitigen. Seither beschäftigt die britische Öffentlichkeit die Frage, ob es noch weitere Shipmans geben könnte und ob diese vielleicht in der relativen Anonymität eines großen Klinikums ideale Bedingungen vorfänden. 

Die Qualitätskontrollen, die viele Kliniken eingerichtet haben, sollen dies verhindern. Eine Gruppe britischer Anästhesisten hat jetzt die Kontrollmechanismen ihrer Klinik auf die Probe gestellt. Das Papworth Hospital ist ein großes Herz-Thoraxzentrum in Cambridge. Mehr als 20.000 Patienten werden dort stationär oder teilstationär versorgt. Hinzu kommt die gleiche Anzahl ambulanter Patienten. Könnte hier ein „Todesengel“ unerkannt bleiben? Die Gruppe um Joe Arrowsmith generierte einige „virtuelle“ Patienten, die auf ähnliche Weise wie die Opfer von Shipman ums Leben kamen, nämlich mit einer Überdosis Diamorphin, das zwar unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, aber in der Klinik in größerer Menge vorhanden ist. Die Anästhesisten ließen etwa einen Patienten pro Monat zusätzlich sterben. Obwohl die Klinik alle Todesfälle monatlich auswertet, fielen die zusätzlichen Todesfälle in der Anästhesie erst nach 8 Monaten und in der Herzchirurgie erst nach 10 Monaten auf. 

Dennoch fällt die Bewertung der Autoren positiv aus. Arrowsmith hatte erwartet, dass die Qualitätskontrolle erst viel später Alarm schlagen werde. Das System sei vor 10 Jahren nicht zur Entdeckung von Serientätern eingerichtet worden, sondern um Mängel in der Versorgungsqualität besser zu erkennen. Da die Patienten nicht wirklich existierten, gab es außer im Kontrollsystem keine weiteren Hinweise. Umso erfreulicherer ist es, dass der „Audit“  auf die Fälle aufmerksam wurde. Um das Vertrauen der Öffentlichkeit zurückzugewinnen, eignen sich derartige Studien allerdings nicht. Ein Anwalt, der mehr als 200 betroffene Familien der Shipman-Affäre betreut, meinte gegenüber der BBC, es sei vollkommen unakzeptabel, dass kriminelle Ärzte oder Krankenschwestern erst nach so langer Zeit entdeckt würden. /rme 

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