Medizin

USA: Partieller Nikotin-Agonist verdirbt Rauchern den Geschmack (nicht nur) aufs Rauchen

Freitag, 12. Mai 2006

Washington - Die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA hat erstmals seit einem Jahrzehnt wieder eine „Antirauchertablette“ zugelassen. Der partielle Nikotin-Agonist Vareniclin soll die Patienten in 12 Wochen entwöhnen. Nach einem Jahr rauchen jedoch fast genauso viele Teilnehmer wie bei dem Konkurrenzprodukt. 

Das Rauchen aufzugeben, sei die einfachste Sache der Welt, er hätte es schon tausendmal geschafft, lautet ein bekanntes Bonmot von Oscar Wilde. Sein wahrer Kern besagt, dass die Abstinenz alles andere als einfach durchzuhalten ist, denn ohne die regelmäßige Stimulierungen der Nikotinrezeptoren im Gehirn bleibt auch die Freisetzung des „belohnenden“ Neurotransmitters Dopamin in den meso-limbischen Regionen des Gehirns aus, was die meisten Abstinenzler schnell davon überzeugt, dass man es ruhig einmal wieder versuchen könnte. Aus der vereinzelten Zigarette wird dann schnell wieder die alte Gewohnheit. Da dies keine wirkliche Lösung ist, führt der nächste Weg möglicherweise in die Apotheke. Dort stehen verschiedene rezeptfreie und -pflichtige Nikotinersatztherapiemöglichkeiten mit Pflaster, Kaugummi, Nasenspray und/oder Lutschtablette zur Verfügung.

Für starke Raucher ist seit einigen Jahren auch Bupropion zugelassen. Wirksam sind nach einer Übersicht der Cochrane Collaboration auch das Hochdruckmedikament Clonidin (das auch zur Entzugsbehandlung „harter“ Drogen eingesetzt wird) und das Antidepressivum Nortriptylin. Beide werden wegen ihrer Nebenwirkungen jedoch kaum verordnet. Alle Mittel wirken anfangs recht gut, doch nach einem Jahr ist der durch Dopamin gesteuerte innere Impuls oft stärker. Die Abstinenzraten liegen bei etwa 18 Prozent gegenüber 10 Prozent unter Placebo. 

Eine bessere Wirkung verspricht der Wirkstoff Vareniclin, den der Hersteller Pfizer in den USA unter dem Namen Chantix® einführen wird. Vareniclin ist ein partieller Nikotin-Agonist und hat damit einen interessanten Wirkungsmechanismus. Das Mittel besetzt den Rezeptor und wirkt zunächst wie Nikotin, was durchaus erwünscht ist, zumal die schädlichen karzinogenen Wirkungen des Rauchens auf andere Bestandteile im Rauch beruhen. Der Versuch des Rauchers, die Wirkung von Vareniclin durch den zusätzlich Genuss der einen oder anderen Zigaretten zu verstärken, soll aber daran scheitern, dass Vareniclin den Nikotinrezeptor besetzt hält. Die gelegentliche Zigarette wäre wirkungslos.

Die Wirkung von Vareniclin ist laut FDA in sechs klinischen Studien untersucht worden, an denen 3.659 langjährige Raucher (durchschnittlich 21 Zigaretten täglich über 25 Jahre) teilnahmen. Fünf der sechs Stunden waren randomisierte kontrollierte Studien, in denen Vareniclin besser als ein Placebo die Abstinenz erleichterte. In zwei der fünf Studien wurde Vareniclin direkt mit Bupropion verglichen. In den Wochen 9 bis 12 kamen unter Vareniclin 44 Prozent ohne Zigaretten aus, unter Bupropion waren es 30 Prozent, unter Placebo nur 17 oder 18 Prozent. Die FDA erlaubt den Einsatz von Vareniclin über 12 Wochen (ausnahmsweise mit einer weiteren Verlängerung um 12 Wochen), doch wie jeder Raucher weiß, ist die Sucht zu diesem Zeitpunkt nicht besiegt.

Nach einem Jahr sehen die Daten für Vareniclin auch nicht mehr ganz so günstig aus. Die Abstinenzrate ist auf 21 oder 22 Prozent (95-Prozent-Konfidenzintervall 17-26 Prozent) gefallen und damit nicht mehr signifikant besser als unter Bupropion, wo in einer Studie 14 Prozent und in der anderen Studie 16 Prozent der Teilnehmer noch abstinent waren. Immerhin ist aber der Abstand zum Placebo-Arm signifikant, wo es nur 8 oder 10 Prozent geschafft haben, ohne Zigaretten auszukommen.

Den US-Rauchern, die trotzdem einen Versuch wagen wollen, müssen die Ärzte jedoch erläutern, dass alle Medikamente Nebenwirkungen haben. Die häufigsten Nebenwirkungen von Chantix sind lauf FDA Nausea, Kopfschmerz, Erbrechen, Flatulenz, Insomnie, abnorme Träume und eine Dysgeusie. Einige Patienten werden also in einem buchstäblich Sinne um den „Geschmack“ gebracht. Ganz ohne Nachteile ist die Abstinenz also nicht erhältlich, dass sie aber angestrebt werden sollte, steht außer Zweifel. Die FDA schätzt, dass von den 44,5 Millionen Rauchern im Land 8,6 Millionen wenigstens eine schweren Erkrankung infolge des Rauchens erleiden. /rme

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

5.000 News Medizin

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige