Medizin

Weniger Heroinkonsumenten in Zürich

Freitag, 2. Juni 2006

Zürich - Kritiker hatten vorhergesagt, dass die liberale Drogenpolitik in der Schweiz zwangsläufig zu einem Anstieg des Drogenkonsums führen werde. Stattdessen ist die Zahl der Neukonsumenten drastisch gesunken, während in anderen Ländern mit restriktiveren Maßnahmen die Zahl der Konsumenten eher ansteigt, wie einer Studie im Lancet (2006; 367:1830-1834) zu entnehmen ist. 

Seit 1991 stellt der Kanton Zürich, in dem ein Viertel der Schweizer Heroinkonsumenten lebt, den Süchtigen Räume zur Verfügung, wo sie Heroin spritzen können, das sie von einem Arzt verschrieben bekommen haben. Die Stadt bietet einen kostenlosen Nadelaustausch an und hat Methadon-Programme mit einer niedrigen Eintrittsschwelle aufgelegt. Heroinsucht wurde als Krankheit ernst genommen und nicht mehr primär als abweichendes Verhalten strafrechtlich verfolgt. Diese liberale Politik wurde zu einer Zeit eingeführt, als im Fernsehen des In- und Auslands Bilder von Drogenkonsumenten zu sehen waren, die sich am „Platzspitz“ die Opiate mit blutverschmierten Spritzen in die kaum mehr auffindbaren Venen injizierten. Auch wenn der Anteil der Drogenkonsumenten in Zürich beim Gipfel der Epidemie weit unter einer Promille lag, schien das Land doch im Drogensumpf zu versinken.

Doch wer damals glaubte, die liberale Drogenpolitik werde die Situation weiter eskalieren, sieht sich im Nachhinein getäuscht. Die Zahl der Neukonsumenten ist von 850 im Jahr 1990 auf 150 in 2002 und damit um 82 Prozent gesunken, wie Carlos Nordt und Rudolf Stohler von der Forschungsgruppe Substanzstörungen an der Universität Zürich ausgerechnet haben. Ob dies allein der Verdienst der liberalen Drogenpolitik ist oder ob nicht auch die Bilder vom Elend am  „Platzspitz“ und später in der Station „Letten“ jüngere Menschen vor der Versuchung bewahrte, lässt sich anhand einer Studie nicht belegen. Denkbar ist jedoch, dass weniger Jugendliche über Bekannte in die Drogensucht eingeführt wurden, weil diese Bekannten die Drogen nur noch unter ärztlicher Aufsicht und nicht mehr privat konsumierten. Für die Drogenkonsumenten selbst bedeuten die Substitutionsprogramme, dass sie wieder ein (halbwegs) normales Leben führen und oftmals einer beruflichen Tätigkeit nachgehen können. Auch die Notwendigkeit zur Beschaffungskriminalität entfällt. 

Laut den Angaben von Nordt und Stohler geht die Zahl der problematischen Heroinkonsumenten seit 1991 um 4 Prozent pro Jahr zurück. Das Einstiegsalter ist angestiegen und die Konsumenten finden bereits nach 2 Jahren den Weg in die medizinisch überwachte Substitution. Die Hoffnung, dass die Patienten den Weg in ein opiatfreies Leben finden, hat sich aber bisher nicht erfüllt. Deshalb sinkt die Zahl der Drogensüchtigen in Zürich nur langsam.

Die Nachwirkungen der Drogenepidemie der frühen 90er-Jahre dürften deshalb noch länger andauern. Andere Länder, wie Australien oder England, die eine restriktivere Drogenpolitk betreiben, haben ihr Drogenproblem nicht in gleichem Maße wie die Schweiz in den Griff gekommen. Vor allem in England ist die Zahl der Drogentoten weiterhin überdurchschnittlich hoch, wie Matthew Hickman von der Universität Bristol im Editorial feststellen muss (Lancet 2006; 367: 1797-1798). In Großbritannien hatte die Regierung noch im Jahr 2002 die Einrichtung von Räumen zum Drogenkonsum abgelehnt, was unter anderem mit den fehlenden wissenschaftlichen Belegen der Heroin- und Methadonsubstitution begründet wurde. /rme

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harlekin2000
am Mittwoch, 20. Juli 2011, 08:22

Wiedermal der Lancet

Bekannt für wilde Publikationen. Ob die Statisik wirklich stimmt, wage ich mal zu bezweifeln. Wie soll es kommen, dass bei einer liberaleren Drogenpolitik plötzlich die Zahlen sinken.
Dass die kontrollierte Abgabe von Heroin an Schwerstabhängige jedoch sinnvoll sein kann, das meine ich auch. Allerdings muss das unter grösst möglicher Aufsicht geschehen. Den Vorteil sehe ich ganz klar darin, dass sich der Süchtige nicht prostituieren muss oder Straftaten begehen um seine Sucht zu finanzieren. Zum anderen kann sich ja auch die Chance ergeben, dass er resozialisierbar ist oder ein wenigstens menschenwürdiges Leben führen kann. Das alleine wäre schon ein grosser Gewinn.
woewe
am Mittwoch, 20. Juli 2011, 00:57

Heroin und Abstinenz

Der Artikel ist zwar nicht neu, aber trotzdem: Warum wird mit
"Die Hoffnung, dass die Patienten den Weg in ein opiatfreies Leben finden, hat sich aber bisher nicht erfüllt." suggeriert, dass Abstinenz der einzige erfüllte Weg zurück ins Leben sei. Was ist der Preis für eine lebenslange Heroin-Abgabe, wenn das Leben desjenigen doch auch so wieder lebenswert ist?
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