Medizin

Morbus Hooligan: Spontane Wutausbrüche mit Krankheitswert sind häufig

Mittwoch, 7. Juni 2006

New York - Mit Sorge blicken die Sicherheitsbehörden auf die bevorstehende Fußballweltmeisterschaft. Befürchtet wird das Zusammentreffen von Hooligans aus unterschiedlichen Ländern, die sich wenig gastlich unter Freunden aufführen könnten. Zu Recht, denn zur Gewaltbereitschaft neigen laut einer Studie in den Archives of General Psychiatry (2006; 63: 669-678) mehr Menschen als gemeinhin angenommen wird.

Im DMS-IV, der „Bibel der Psychiatrie“ findet sich, bisher wenig beachtet, die Beschreibung einer psychiatrischen Störung, die auch auf viele gewaltbereite Fans zutreffen könnte. Die „intermittent explosive disorder“ (IED) ist gekennzeichnet durch gewalttätiges Verhalten, das zumeist impulsiv (nach Erkennen gegnerischer Schals) auftritt, aber auch ein gezielter Angriff sein kann (als verabredete Randale nach dem Spiel). Typisch ist, dass die aggressive Handlung (gegenüber den Fans anderer Mannschaften) in keinem Verhältnis steht zu der Provokation („Schlachtenrufe“), die sie auslöst. Viele Patienten berichten, dass den Aggressionen Symptome einer erhöhten Angespanntheit (das Spiel) und der Enttäuschung (das Spiel ging verloren) vorausgehen.

Das DSM-IV ordnet die Erkrankung zusammen mit Kleptomanie, Pyromanie und Spielsucht in die Gruppe der impulsiven Persönlichkeitsstörungen. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass die Patienten einem Handlungsantrieb nicht widerstehen könnten, selbst wenn die Folgen absehbar anderen (Fans) oder auch den Patienten selbst (nach dem Auftreten der Polizei) Schaden zufügen. Bisher wurde die IED als Ausschlussdiagnose betrachtet, die nur in Betracht kam, wenn sich keine Hinweise auf eine andere Erkrankung fanden. Viele Patienten leiden unter Depressionen, Angstzuständen oder sie sind suchtgefährdet beziehungsweise substanzabhängig. 

Ronald Kessler von der Harvard Medical School in Boston und Mitarbeiter haben diese Begleitdiagnosen außer Acht gelassen und die Prävalenz der IED allein an ihrem Kernsymptom festgemacht: dem Auftreten von drei oder mehr Episoden einer impulsiven Aggressivität. Solche IED-Erfahrungen sind vielen US-Amerikanern offenbar nicht fremd. In der National Comorbidity Survey Replication, einer repräsentativen Stichprobe von 9.282 Erwachsenen gaben immerhin 7,3 Prozent der Befragten an, in ihrem Leben schon drei EID-Episoden erlebt zu haben, und bei 3,9 Prozent lagen diese Erlebnisse nicht länger als 12 Monate zurück. 

Auf die Bevölkerung hochgerechnet gehen die Epidemiologen von 5,9 bis 8,5 Millionen gewaltbereiten US-Bürgern aus. Die erste Episode erleben sie im Alter von 14 Jahren. Im weiteren Verlauf des Lebens kommt es zu durchschnittlich 43 Attacken, mit Sachschäden von 1.359 US-Dollar. Nicht wenige dieser gewaltbereiten Bürger befanden sich schon einmal in medizinischer Behandlung. Sechs von zehn Personen mit IED wurden wegen emotionaler Probleme oder einer Substanzabhängigkeit behandelt, die wenigsten (28,8 Prozent) waren jedoch wegen ihrer Wutausbrüche behandelt worden, noch weniger (11,7 Prozent) in den letzten 12 Monaten vor den Interviews. Diese Zahlen sind laut Kessler sogar noch zurückhaltend. Patienten mit bipolaren Störungen, die ebenfalls zu Wutausbrüchen neigen, wurden von Kessler und Mitarbeitern nicht als IED gewertet.

Sollte die Definition der IED auf Hooligans zutreffen, Kessler macht hierzu selbst keine Aussage, dann wäre es nicht angebracht, einfach von einem kriminellen Verhalten zu reden. Es könnte sich tatsächlich um ein biomedizinisches Problem handeln, das therapiert werden müsste. Am besten sei es aber, so die Autoren, wenn die Erkrankung frühzeitig erkannt würde. Bereits in der Schule sollten deshalb Gewaltpräventionsprogramme aufgelegt werden. Diese könnten dann auch den begleitenden Störungen wie Depression, Alkohol- und Drogensucht vorbeugen. Dieser Einschätzung dürften auch die meisten Psychologen zustimmen, die sich mit dem Phänomen der Hooligans beschäftigen. /rme

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