Atypische Neuroleptika: Metabolisches Syndrom durch Clozapin
Montag, 3. Juli 2006
Rochester/New York - Kürzlich zeigte eine größere randomisierte kontrollierte Studie des US-National Institutes of Health, dass Clozapin in der Behandlung der Schizophrenie neueren atypischen Neuroleptika oftmals überlegen ist. US-Psychiater gehen davon aus, dass das Interesse an Clozapin wieder ansteigen wird – und warnen jetzt vor einem bisher wenig beachteten Risiko.
Im American Journal of Psychiatry (2006; 163: 1273-1276) berichtet Steven Lamberti von der Rochester Universität, dass mehr als die Hälfte seiner Patienten (53,8 Prozent) unter der Behandlung mit Clozapin ein metabolisches Syndrom entwickelt haben. Die Rate war eindeutig höher als in einer Stichprobe der US-Bevölkerung, dem National Health and Nutrition Examination Survey, wo immerhin jeder fünfte (20,7 Prozent) diese Konstellation aus mehreren Risikofaktoren (Hypertonus, Dyslipoproteinämie, Stammfettsucht und Insulinresistenz) hat, die kardiovaskuläre Erkrankungen begünstigt.
Dies spricht dafür, dass Clozapin ein metabolisches Syndrom auslösen kann, was nicht völlig überrascht. Seit langem ist bekannt, dass die Patienten unter Clozapin zum Teil stark an Gewicht zunehmen. Doch den gesundheitlichen Auswirkungen war bisher wenig Beachtung geschenkt wurde. Das metabolische Syndrom ist jedoch eine ernstzunehmende Folge der Behandlung, betont Lamberti, zumal die Therapie mit atypischen Neuroleptika in der Regel langfristig ist, also keine Aussicht besteht, dass sich die Situation nach dem Ende der Therapie wieder ändert.
Die Publikation von Lamberti steht ganz offensichtlich im Zusammenhang mit den jüngsten Ergebnissen einer Studie des US-National Institute of Mental Health (NIMH), die im April publiziert wurde. Es handelt sich um den zweiten Teil des Clinical Antipsychotic Trials of Intervention Effectiveness oder CATIE-Trials. Der erste Teil der Studie, der im September letzten Jahres im New England Journal of Medicine (NEJM 2005; 353: 1209-23) publiziert wurde, hatte ergeben, dass die Mehrzahl der Schizophrenie-Patienten mit den neueren atypischen Neuroleptika (Olanzapin, Perphenazin, Quetiapin, Risperidon oder Ziprasidon) nicht befriedigend behandelt werden kann.
Drei Viertel der Patienten hatten die Behandlung in den ersten 18 Monaten abgebrochen, in der Regel wegen unzureichender Wirkung. Die Phase II der Studie ergab nun, dass viele dieser Patienten mit Clozapin besser zurechtkommen. Nicht nur stieg der Anteil der Patienten, die nach 18 Monaten noch behandelt wurden, von 18 Prozent (unter den anderen atypischen Medikamenten) auf 42 Prozent, auch der Rückgang der Symptome in der Positive and Negative Syndrome Scale war ausgeprägter (American Journal of Psychiatry 2006; 163: 600-610).
Lambert erwartet nun, dass die Psychiater vermehrt Clozapin einsetzen werden, obwohl dies mit einigen Umständen für den Arzt und mit gewissen Risiken für den Patienten verbunden ist. Clozapin kann (selten) eine Agranulozytose verursachen, die tödlich enden kann, wenn sie nicht zeitig erkannt wird. Deshalb gibt es auch in Deutschland strenge Auflagen, die den Arzt zur regelmäßigen Kontrolle des Blutbildes verpflichten. Des Weiteren weisen die Fachinformationen auf ein erhöhtes Risiko von potenziell tödlichen Myokarditiden hin, die bevorzugt, aber nicht nur in den ersten beiden Behandlungsmonaten auftreten. Auch hier sind die Ärzte zu einer besonderen Aufmerksamkeit aufgefordert.
Bei diesen schweren Nebenwirkungen kann eine vermeintlich harmlose Labor-Konstellation wie das metabolische Syndrom leicht in den Hintergrund geraten. Die langfristigen Auswirkungen für die Gesundheit sind jedoch nicht von der Hand zu weisen, weswegen Lamberti die Ärzte auffordert, die Patienten in dieser Hinsicht zu beraten. Die Studie beweist zwar nicht, dass Clozapin ursächlich (oder allein) für das metabolische Syndrom verantwortlich ist. Die ungesunde Lebensweise vieler Schizophrenie-Patienten dürfte sicherlich ihren Anteil haben. Im Endeffekt bleibt es für Lamberti aber ratsam, das Problem des metabolischen Syndroms im Therapiekonzept zu berücksichtigen. /rme
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