Medizin

Hirnforscher: Neues Nervenwachstum erklärt Erwachen nach 19 Jahren Koma

Dienstag, 4. Juli 2006

New York - Mit einem neuartigen Verfahren der Kernspintomographie haben US-Forscher Hinweise auf eine Neuverschaltung von Hirnzellen im Gehirn eines Patienten gefunden, der nach 19 Jahren aus einem Koma erwachte. Die Ergebnisse im Journal of Clinical Investigation (JCI 2006; 116: 2005-2011) bieten einen Erklärungsansatz für die seltenen Spontanerholungen bei Patienten mit posttraumatischem „minimally conscious state“.

Den „minimally conscious state“ (MCS) grenzen Hirnforscher von dem persistierenden vegetativen Status (PVS) ab, der bei der US-Amerikanerin Terry Schiavo vorlag, die im März letzten Jahres nach Beendigung der Sonderernährung starb. Während Terry Schiavo nach Ansicht der Hirnforscher niemals eine Chance hatte, ihr Bewusstsein wieder zu erlangen, bestanden bei Terry Wallis, bei dem die Ärzte ein MCS diagnostiziert hatten, durchaus Chancen auf eine Erholung. Dass diese nach 19 Jahren Koma eintrat, dürfte dennoch nicht nur für die Eltern an ein Wunder gegrenzt haben. Auch für Mediziner sind derart lange Komazeiten äußerst ungewöhnlich. Eine Gruppe von Neurologen um Nicholas Schiff von der Cornell Universität in New York glaubt jetzt aber, eine mögliche Erklärung für die Erholung des Patienten gefunden zu haben. 

Die Neurologen haben Terry Wallis, der mit 19 Jahren in ein Koma fiel, aus dem er 19 Jahre später im Juni 2003 erwachte, zweimal kernspintomographisch untersucht. Sie setzten dabei ein Verfahren ein, das als Diffusion Tensor Imaging (DTI) bezeichnet wird. DTI misst mittels Kernspinresonanz die Diffusion von Wassermolekülen in biologischen Geweben, beispielsweise im Gehirn. Für diese Diffusion, die letztlich Ausdruck der Brownschen Molekularbewegung ist, gibt es im Hirngewebe Grenzen. Diese bestehen in den Zellmembranen der Hirnzellen, die die freie Bewegung einschränken. So ist die DTI in der weißen Substanz, in der sich dicht gedrängt viele Axone von Nervenzellen befinden, herabgesetzt. Jede Veränderung, die mit der DTI quantifiziert werden kann, liefert Hinweise über die morphologische Integrität der weißen Substanz im Gehirn. Die Autoren haben allerdings Wallis erst im April 2004 zum ersten Mal untersucht. 8 Monate, nachdem er wieder zu sprechen begann. Wesentlich interessanter wäre es gewesen, die Veränderungen vor und nach dem Erwachen zu studieren. 

Um Auffälligkeiten zu finden, haben die Autoren die DTI-Bilder von Terry Wallis mit den Aufnahmen von 20 gesunden Probanden verglichen. Dabei fiel ihnen auf, dass gewisse Verbindungen im Gehirn bei Wallis stärker ausgeprägt waren als bei den Vergleichspersonen. Sie interpretieren die Bilder als Neuwachstum von Axonen. Dass diese Verbindungen im Oktober 2005, als Wallis ein zweites Mal mit DTI untersucht wurde, sich noch weiter verstärkt hatten, bestätigte ihre Einschätzung. Zum Vergleich publizierten sie Bilder vom Gehirn eines Patienten, der sich seit 6 Jahren im MCS befindet, aber – bisher muss man jetzt wohl sagen – noch kein Zeichen für ein neues Nervenwachstum im Gehirn zeigt. 

Dies dürfte wohl auch für die Mehrzahl aller MCS-Patienten zutreffen, wie Steven Laureys von der Universität Liège in Belgien im Editorial schreibt (JCI 2006; 116: 1823-1825). Laureys räumt die Möglichkeit ein, dass in der Vergangenheit Patienten nach längerem Koma möglicherweise zu früh aufgegeben wurden. Um dies zu verhindern, wurde vor vier Jahren von einer Arbeitsgruppe geschaffen, die die neue Entität MCS geschaffen haben (Neurology 2002; 58: 349-353). Sie soll eine klare Unterscheidung vom Wachkoma ermöglichen. Ideal wäre es natürlich, wenn bildgebende Verfahren wie die DTI die Neurologen hier unterstützen könnten. Davon ist man aber noch weit entfernt. Zunächst einmal bleibt abzuwarten, ob sich die Ergebnisse der US-Hirnforscher überhaupt reproduzieren lassen. /rme

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