Medizin

MRSA bereits führender Erreger von Haut- und Weichteilinfektionen in US-Städten

Donnerstag, 17. August 2006

Los Angeles - Ungewöhnlich rasch haben sich multiresistente Staphylococcus-aureus (MRSA)-Stämme in den USA ausgebreitet. Während sie lange Zeit auf Kliniken oder bestimmte Risikogruppen beschränkt waren, werden nach einer Studie im New England Journal of Medicine die Mehrzahl aller ambulant erworbenen Staphylokokkeninfektionen in Haut und Weichteilen durch MRSA ausgelöst, die meisten davon durch den Stamm USA300.

In Kliniken und Pflegeheimen sind MRSA seit den 60er-Jahren bekannt. Vor wenigen Jahren wurden sie dann auch bei Personen beobachtet, die bedingt durch körperlichen Kontakt oder ein Zusammenleben auf engem Raum ein erhöhtes Risiko haben. Dies waren Sportler, Gefängnisinsassen oder Militär-Rekruten sein, bei denen in der Vergangenheit Häufungen beschrieben wurden. Immer schien es sich um örtlich gegrenzte Ausbrüche zu handeln. Die Normalbevölkerung schien nicht gefährdet zu sein. Dies hat sich offenbar grundsätzlich geändert. 

Nachdem erste Infektionen an den Ambulanzen von Universitätskliniken aufgefallen waren, führte die „EMERGEncy ID Net“-Studiengruppe um Gregory Moran von der Universität von Kalifornien in Los Angeles im August 2004 eine prospektive Prävalenzstudie durch. Bei allen erwachsenen Patienten, die sich an 11 Ambulanzen von US-Universitäten mit purulenten Haut- oder Weichteilinfektionen vorstellten, wurden bakterielle Kulturen veranlasst (NEJM 2006; 355: 666-674). 

Zunächst einmal wurde in drei von vier Kulturen Staphylococcus aureus nachgewiesen, was nicht ungewöhnlich ist, da es sich um den häufigsten Erreger von Haut- und Weichteilinfektionen handelt. Doch die nähere Bestimmung der Erreger ergab, dass es sich in 59 Prozent der S. aureus um MRSA handelte, wobei die Prävalenz von Stadt zu Stadt stark schwankte (15 bis 74 Prozent). Die nähere genetische Analyse ergab, dass 97 Prozent der MRSA zum Stamm USA300 gehörten. 

Diese starke Verbreitung überraschte die Kliniker, während die Infektiologin Lindsay Grayson von der Universität Melbourne bereits eine Erklärung parat hat. Ihrer Ansicht nach konnte sich USA300 gegenüber anderen S. aureus durchsetzen, weil er Gene von S. epidermidis, dem häufigsten, aber in der Regel harmlosen Bakterium der Haut übernommen hat, schreibt sie im Editorial (NEJM 2006; 355: 724-727). Sollte sich USA300 ebenso leicht auf der Haut ausbreiten können wie S. epidermidis, wäre das ein Horror-Szenario, da mit jeder leichten Verletzung pathologische Erreger in Haut- und Weichteile eindringen könnten.

Davon kann aber derzeit keine Rede sein. Immerhin zeigen die Untersuchungen, dass die Ärzte in US-Großstädten sich Gedanken über den Einsatz des richtigen Antibiotikums machen müssen. Das Antibiogram in der US-Studie ergab, dass nur 6 Prozent der Erreger auf Erythromycin ansprachen, während sie auf das verwandte Makrolid Clindamycin zu 95 Prozent empfindlich reagierten. Fluorochinolone waren zu 60 Prozent, Tetrazykline zu 92 Prozent, Rifampicin und Trimethoprim-Sulfamethoxazol zu 100 Prozent empfindlich. Die US-Ärzten hatten zu 57 Prozent ein nicht empfindliches Antibiotikum verschrieben.

Angesichts dieser Zahlen erscheint es der Editorialistin Grayson angebracht, vor einem übertriebenen Einsatz von Antibiotika zu warnen, zumal viele Infektionen sich auch ohne sie beherrschen lassen. Die Ärzte sollten zu den alten Prinzipien der Drainage zurückkehren, rät sie. Wenn sie Antibiotika einsetzten, sollten sie eine Bakterienkultur anlegen, um nach dem Eintreffen des Ergebnisses ihre empirische Therapie anpassen zu können. Oft kämen sie dann mit den älteren Antibiotika zurecht.  © rme/aerzteblatt.de

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