51 Gene bestimmen Alkoholismusrisiko
Montag, 28. August 2006
Baltimore - US-Forscher haben eine genomweite Suche nach Genen abgeschlossen, die das Risiko auf eine Alkoholabhängigkeit erhöhen. Sie fanden nach einer Studie im American Journal of Medical Genetics Part B (2006; doi: 10.1002/ajmg.b.30346) gleich 51 verdächtige Genvarianten, die jetzt näher untersucht werden sollen.
Die familiäre Prädisposition auf einen Alkoholismus ist eine alte Erfahrung. Jeder Arzt kennt wohl „Trinkerfamilien“, in denen mehrere Mitglieder alkoholabhängig sind. Dies kann auch sozioökonomische Gründe haben, doch die meisten zu dieser Frage durchgeführten Familien-, Zwillings- und Adoptionsstudien weisen auf genetische Faktoren hin. Dies hat das US-National Institute on Drug Abuse 1989 zur Gründung der Collaborative Study on the Genetics of Alcoholism (COGA) bewogen.
Deren bisher größtes Projekt war eine genomweite Suche nach Genvarianten, welche die Anfälligkeit auf eine Alkoholabhängigkeit erhöhen. Der Vergleich von mehr als hunderttausend Genvarianten identifizierte auf unterschiedlichen Chromosomen 51 Kandidaten-Gene. Wissenschaftlich betrachtet handelt es sich um Snips (nach Single Nucleotid Polymorphism oder SNP), kurze Abschnitte auf dem Genom, in denen es zwischen einzelnen Menschen größere Unterschiede gibt. Wenn bestimmte Varianten bei Menschen aus „Trinkerfamilien“ besonders häufig auftreten, spricht dies für einen möglichen Zusammenhang.
Im nächsten Schritt muss die Funktion dieser Gene geklärt werden. Bei den meisten der 51 Kandidaten-Gene scheint dies der Publikation zufolge bereits geschehen zu sein. Auf den ersten Blick lassen sich diese Gene kaum mit dem Verhaltensmuster einer Abhängigkeit in Verbindung bringen. Einige kodierte Proteine sind an der Kommunikation oder Interaktion zwischen einzelnen Zellen beteiligt, andere kontrollieren die Proteinsynthese, wieder andere beeinflussen die embryonale Entwicklung von Zellen.
Es ist jedoch denkbar, dass Störungen in diesen Funktionen die Entstehung einer Abhängigkeit fördern könnten. Die Pressemitteilung nennt als Beispiel das AIP1-Gen. Dieses Gen wird vor allem im Gehirn exprimiert. Dort hilft es den Hirnzellen Kontakte zu benachbarten Hirnzellen herzustellen und aufrechtzuerhalten. Sollte ein Defekt in diesen Genen das Suchtverhalten von Alkoholikern erklären? Diese Frage dürfte Gegenstand weiterer Studien sein. Einige andere Genvarianten wurden nach Angaben des US-National Institute on Drug Abuse schon früher mit anderen Abhängigkeiten in Verbindung gebracht, was die Alkoholismusforscher nicht verwundert. Denn nicht wenige Menschen mit Alkoholabhängigkeit neigen auch zum Missbrauch weiterer Drogen.
Andererseits kann festgestellt werden, dass sich die „große“ Hoffnung der Forscher bisher nicht erfüllt hat. Dies wäre die Identifizierung eines einzelnen Gens, das die Anfälligkeit einer großen Gruppe von Patienten auf plausible Art und Weise erklären würde. Ohne ein solches Gen lassen sich aber vorläufig keine konkreten Anwendungen aus den Ergebnissen ableiten. Weder ist ein Gentest auf die Alkoholerkrankung zu erwarten, noch werden die Arzneimittelforscher Anregungen zur Entwicklung neuer Medikamente finden. © rme/aerzteblatt.de
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