Melanom: Gentherapie mit 2 Teilremissionen als „Erfolg gegen Krebs“ gefeiert
Freitag, 1. September 2006
Bethesda - Ein Team von US-Forschern hat T-Zellen von Melanom-Patienten mit Genen versehen, die die körpereigene Abwehr stimulieren sollen. Den Medien wurde die Behandlung als „erste erfolgreiche Gentherapie von Krebserkrankungen“ vermittelt. In der Publikation in Science (2006: doi: 10.1126/science.1129003) ist aber nur von Teilremissionen bei zwei von 17 Patienten mit metastasiertem Melanom die Rede, die allerdings seit mehr als einem Jahr Bestand haben.
„Gentherapie“ in der Verbindung mit „Krebs“ ist eine Mischung, der die meisten Medien nicht widerstehen können, vor allem wenn von „neuen“ Therapieansätzen die Rede ist, die auf eine Steigerung der Immunabwehr zielen und so die schädliche Chemotherapie umgehen. So titelte der Onlinedienst der BBC auch „Gentherapie befreite Männer von Krebs“ und auch in deutschen Zeitungen dürfte in den nächsten Tagen von einem Erfolg oder gar Sieg im Kampf gegen den Krebs die Rede sein.
Die meisten klinischen Forscher, die sich mit der Behandlung des malignen Melanoms beschäftigen, werden den Erfolgsmeldungen von Stephan Rosenberg vom US-National Cancer Institute in Bethesda vermutlich eher mit Zurückhaltung begegnen. Schon Ende der 80er-Jahre hatte der Forscher vom National Cancer Institute in Bethesda eine effektive Immuntherapie des malignen Melanoms beschrieben – die sich bis heute nicht in der klinischen Praxis durchgesetzt hat. Rosenberg hatte Zellen aus exzidierten Melanomen im Labor vermehrt, dort mithilfe des Zytokins Interleukin 2 aktiviert und dann den Patienten wieder infundiert. Als tumorinfiltrierende Lymphozyten (TIL) sollten sie Metastasen aufspüren und vernichten. Rosenberg konnte zwar den prinzipiellen Beweis erbringen, dass die TIL den Tumor angreifen. Doch die damals erzielten Remissionen bedeuteten noch lange keinen Sieg über den Krebs. Erst später wurde die hohe Toxizität der Therapie bekannt. Sie macht die Behandlung für die meisten Patienten bis heute nicht akzeptabel.
Der neue Ansatz von Rosenberg besteht darin, die T-Zellen im Labor mit Genen des T-Zell-Rezeptors zu versehen. Um die Gene in die Zellen zu schleusen, wurde sie in Retroviren verpackt, die ihr Erbgut in die DNA des Menschen integrieren. Im Prinzip handelt es sich um die gleiche Methode, die Alain Fischer vom Hôpital Necker in Paris bei der ersten erfolgreichen Gentherapie der angeborenen Immunschwäche X-SCID (X-chromosomale schwere kombinierte Immundefizienz) verwendete. Damals wurden die Abwehrzellen mit einem Gen versehen, das im Körper defekt war. Dieses Mal wurde keine solche „Gen-Reparatur“ durchgeführt. Ziel war eine Steigerung der Leistungsfähigkeit der T-Zellen. Denn der T-Zell-Rezeptor, den die US-Forscher in die TIL einbauten, vermittelt den Kontakt mit den Antigenen, hier den Melanomzellen und kann auf diese Weise die Aufmerksamkeit des Immunsystems auf den Tumor lenken. Beim Melanom ist dies ein besonders interessanter Ansatz, denn die körpereigene Abwehr ist hier gelegentlich in der Lage, den Krebs zu besiegen, wie – allerdings extrem seltene – Fälle von Spontanheilungen belegen. Beim Melanom haben sich in den letzten Jahren auch einige adjuvante Immuntherapien etabliert.
Rosenberg hat inzwischen 17 Patienten behandelt, wobei das Verfahren während der Studie ständig verfeinert wurde. Zuletzt sei es ihm gelungen, mit der Gentherapie T-Zellen zu erzeugen, die im Körper auch überlebten. Nach einem Monat exprimierten noch 9 bis 56 Prozent der T-Zellen das transferierte Gen. Die Therapie scheint demnach nicht bei allen Patienten zu greifen. Bei den anderen kam es jedoch zu einer gewissen Wirkung. Hier griffen die T-Zellen den Tumor an. Bei zwei Patienten wurden Teilremissionen erzielt. Einer ist nach der operativen Entfernung einer Lebermetastase seit nunmehr einem Jahr ohne Rezidiv (ohne Therapie hätte seine Lebenserwartung vielleicht 3 bis 4 Monate betragen, vielleicht aber auch länger, Einzelbeobachtungen können keine Studie ersetzen). Bei dem anderen Patienten kam es zu einer Remission in Leber, Lymphknoten und Lunge.
Auf die Gesamtgruppe von 17 Patienten bezogen sind Teilremissionen bei zwei Patienten nicht unbedingt ein überzeugendes Ergebnis, zumal eine Vergleichsgruppe fehlt. Dies wäre aber auch der falsche Anspruch an den in erster Linie experimentellen Studien von Rosenberg. Sie stellt allerdings nur den ersten Schritt dar. Der nächste müsste in der Standardisierung der Behandlung und in der Durchführung einer klinischen Studie bestehen. Erst dann wird man abschätzen könnten, ob die Therapie erfolgversprechend ist.
Entgegen früheren Erfahrungen mit dieser Form der Immuntherapie soll die Verträglichkeit gut gewesen sein. Dies hatte Rosenberg, wenn sich der Berichterstatter richtig erinnert, allerdings auch nach den ersten Versuchen mit der TIL behauptet. Später kam es dann jedoch zu Todesfällen. Auch hier kann den klinischen Studien nicht vorgegriffen werden. Die geringsten Bedenken gibt es gegen eine denkbare Induktion von Krebserkrankungen, welche die Gentherapie der X-SCID gestoppt hatten. Dort war es in mehreren Fällen zu Leukämien gekommen. Dieses Risiko dürfte Patienten mit tödlichen Melanomen allerdings nicht von der Gentherapie abschrecken. © rme/aerzteblatt.de
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