Medizin

FDA: Hoch dosiertes Ibuprofen kann protektive Wirkung von Low-dose-ASS abschwächen

Montag, 11. September 2006

Washington - Die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA weist auf eine neu entdeckte pharmakodynamische Interaktion zwischen nichtsteroidalen Antiphlogistika (NSAID) und Acetylsalicylsäure (ASS) hin. Patienten, die Ibuprofen oder andere NSAID in hoher Dosis erhalten, gefährden die kardioprotektive Wirkung von Low-dose-ASS, wenn beide Medikamente gleichzeitig eingenommen werden.

Low-dose-ASS soll kardiale Risiko-Patienten vor einem Herzinfarkt oder einem ischämischen Schlaganfall schützen. Da viele ältere kardiale Risikopatienten auch unter rheumatischen oder anderen entzündlichen Gelenkbeschwerden leiden, dürfte es öfter vorkommen, dass sie gleichzeitig ein anderes NSAID einnehmen. Dieses wird dann nicht selten hoch dosiert. Eine übliche Option ist 400 mg Ibuprofen. Für dieses NSAID und diese Dosis wurde nun eine pharmakodynamische Interaktion beschrieben, die folgendermaßen zustande kommt.

ASS ist ein irreversibler, Ibuprofen ein reversibler Inhibitor der Cyclooxygenase (COX). Nimmt der Patienten nur ASS ein, dann wird die gesamte COX für die gesamte Lebensdauer der Thrombozyten gehemmt. Eine geringe Menge ASS (low-dose) ist ausreichend für eine nachhaltige Wirkung. Werden beide Medikamente gleichzeitig eingenommen, wird nur ein Teil der COX durch ASS für die gesamte Lebensdauer der Thrombozyten gehemmt. Der andere Anteil von COX wird nur vorübergehend gehemmt. Allmählich löst sich Ibuprofen wieder von COX. Doch dann ist aufgrund der raschen Pharmakokinetik von ASS kein freies ASS mehr vorhanden. Ein Teil von COX bleibt langfristig aktiv. Deshalb kann unter der kombinierten Gabe beider Medikamente die Thrombozytenaggregation (eine Folge der COX-Hemmung) schwächer sein als unter der alleinigen ASS-Gabe. Mehr Wirkstoffe führen so zu einer geringeren Wirkung.

Ob sich dies nachteilig auf die kardiopräventive Wirkung von ASS auswirkt, ist bisher durch keine klinische Endpunktstudie sicher belegt. Es gibt aber laut FDA Hinweise aus unpublizierten Studien, die eine pharmakodynamische Interaktion anhand von Laborparametern belegen. Danach interferiert die Einnahme von Ibuprofen in der Dosis von 400 mg mit der Wirkung von ASS auf die Thrombozyten, wenn Ibuprofen innerhalb von 30 Minuten nach ASS eingenommen wird. Messbar sei dies in der Produktion von Thromboxan B2 oder in Thrombozytenaktivierungstests. Eine ähnliche Wechselwirkung wurde gefunden, wenn eine Einzeldosis von 400 mg Ibuprofen weniger als 8 Stunden vor der nächsten ASS-Dosis eingenommen wurde.

Deshalb lautet die Empfehlung der FDA, Ibuprofen frühestens 30 Minuten nach dem ASS einzunehmen, spätestens aber 8 Stunden vor der nächsten ASS-Dosis. Diese Empfehlungen gelten für das „Intermediate-release“ ASS, das schnell resorbiert wird. Anders ist die Situation bei der „enteric-coated“-Formulierung, die ASS nur langsam freisetzt. Eine Studie hat nach Information der FDA gezeigt, dass die Wirkung dieser magensaftresistenten ASS-Formulierung durch eine 400 mg Ibuprofen-Dosis auch dann noch beeinflusst wird, wenn Ibuprofen 2, 7 und 12 Stunden nach „enteric-coated“-ASS eingenommen wird. Das deutet darauf hin, dass die pharmakodynamische Interaktion bei „enteric-coated“ ASS schwer vermeidbar ist. Die FDA gibt keine Empfehlungen zur gleichzeitigen Einnahme von enteric-coated ASS und Ibuprofen ab. 

Ibuprofen ist allerdings nicht das einzige NSAID. Ob sich die anderen Substanzen ähnlich verhalten, ist nicht bewiesen, es erscheint aber plausibel. Für hoch dosiertes Naproxen gebe es einen Hinweis auf eine ähnliche Interaktion, schreibt die FDA. Für andere Substanzen wie Ketoprofen existierten dagegen keine Daten. Die FDA geht aber - bis zum Beweis des Gegenteils - davon aus, dass die pharmakodynamischen Wechselwirkungen für alle NSAID gelten. Dies treffe nicht zu für das leichte Schmerzmittel Paracetamol und auch nicht für die opioidartigen Analgetika, die allesamt keine COX-Inhibitoren sind. © rme/aerzteblatt.de

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

5.000 News Medizin

Fachgebiet

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige