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Mittwoch, 20. September 2006
„Treatment Disconnect“ beim Nierenzellkarzinom: Bessere Früherkennung, aber mehr Todesfälle – Präventive Wirkung durch Vitamin D aus fettigem Fisch?

Ann Arbor/Michigan - Obwohl die Früherkennung von Nierenkrebs in den letzten Jahren deutlich verbessert wurde und immer mehr Tumoren operativ entfernt werden, ist nach einer Studie im Journal of the National Cancer Institute (JNCI 2006; 98: 1331-1334) die Sterblichkeit angestiegen. Die Autoren diskutieren die Ursachen für diesen „treatment disconnect“. Eine Kohortenstudie aus Schweden kommt im US-amerikanischen Ärzteblatt zu dem Ergebnis, dass häufige Fischmahlzeiten dem Tumor vorbeugen könnten. 

Die Verbreitung von Computer- und Kernspintomographie hat dazu geführt, dass immer häufiger Nierenzellkarzinome, die lange asymptomatisch bleiben können, als Zufallsbefund entdeckt werden. Bei einer Größe von unter vier Zentimetern ist eine Metastasierung beim ansonsten tödlichen Nierenzellkarzinom ungewöhnlich. Deshalb wird den Patienten praktisch immer zu einer Nephrektomie geraten. Da jeder große Tumor früher einmal ein kleiner Tumor war, sollte man erwarten, dass die vermehrte Entdeckung von Frühkarzinomen allmählich die Sterblichkeit am Nierenkrebs senkt. Das Gegenteil ist jedoch der Fall, wenn die Analyse von John Hollingsworth von der Universität von Michigan in Ann Arbor zutrifft. Der Forscher hat die Daten der Surveillance, Epidemiology, and End Results (SEER)-Datenbank ausgewertet, einem allgemein anerkannten amerikanischen Tumorregister. 

Hollingsworths Studie basiert auf den Angaben zu 34.503 Nierenkrebspatienten aus den Jahren 1983-2002. Während dieser Zeit nahm die Inzidenzrate des Nierenzellkarzinoms von 7,1 auf 10,8 Fälle pro 100.000 Einwohner zu. Das ist ein Anstieg um 52 Prozent. Der größte Teil entfällt auf Tumoren in der Größe von 2 bis 4 Zentimetern. Hier stieg die Inzidenzrate von 1,0 auf 3,3 Fälle pro 100.000 Einwohner. Das sind typischerweise asymptomatische Tumoren, also Zufallsbefunde in Computer- und Kernspintomographie (oder auch der Sonographie), die, wie erwähnt, in der Regel operiert werden. Das zeigen auch die SEER-Daten: Die Operationen bei Tumoren unter 4 cm Größe stiegen von 0,9 auf 3, Operationen/100.000 Einwohner.

Doch gleichzeitig stieg die Sterberate an Nierenkrebs von 1,5 Todesfällen in 1983 auf 6,5 Todesfälle pro 100.000 Einwohner. Das ist wohl weniger auf ein Versagen der Operation zurückzuführen, denn den größten Anstieg gab es bei Tumoren mit einer Größe von über sieben Zentimetern. Verwunderlich ist es dennoch, dass die verbesserte Früherkennung sich nach fast zwei Jahrzehnten nicht in einer geringeren Sterberate niedergeschlagen hat. Hollingsworth spricht von einem “Treatment Disconnect”. Die Tumoren, welche die Chirurgen zunehmend entfernen, seien möglicherweise nicht dieselben, welche später zum Krebstod führen. Beweisen lässt sich dies durch die Analyse der Daten aus dem Tumorregister nicht. Möglicherweise wäre der Anstieg ohne Operationen ja noch höher gewesen. Hollingsworth fordert deshalb auch nicht, dass auf die Entfernung kleinerer Tumoren verzichtet werden soll. Die derzeitigen Therapiestrategien müssten jedoch (in weiteren Studien) auf den Prüfstand. 

Besser als die Früherkennung wäre eine Vorbeugung des Nierenzellkarzinoms. Seit einiger Zeit gibt es Hinweise, dass häufige Fischmahlzeiten eine präventive Wirkung haben könnten. Dies wird auf den hohen Gehalt an Vitamin D zurückgeführt. Vitamin D, das bekanntlich in der Niere metabolisiert wird, soll eine antiproliferative Wirkung haben, weshalb eine hohe Zufuhr in der Nahrung ein Krebswachstum verhindern könnte. Erst kürzlich wurde übrigens in Cancer Epidemiology Biomarkers & Prevention (2006 15: 1688-1695) eine Auswertung der beiden prospektiven Beobachtungsstudien Health Professionals Follow-up Study und Nurses' Health Study vorgestellt. Dort war eine hohe Zufuhr von Vitamin D (über 600 IU/die) mit einer um 41 Prozent niedrigeren Rate auf ein Pankreaskarzinom assoziiert (Relatives Risiko RR 0,59; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,40-0,88). Auch im Pankreas wird Vitamin D metabolisiert. 

Um den Einfluss von Vitamin D auf die Entstehung eines Nierenzellkarzinoms zu untersuchen, hat Alicja Wolk vom Karolinska Institut in Stockholm die Daten schwedischer Frauen untersucht, die zwischen März 1987 und Dezember 1990 am Mammographie-Screening teilgenommen hatten. Dabei hatten sie auch Fragebögen zu ihren Ernährungsgewohnheiten ausgefüllt, und ein Abgleich mit dem nationalen Krebsregister ist in Schweden schnell möglich. Da Vitamin D vor allem im Fettgewebe gespeichert wird, es aber auch ausgesprochen fettarme Fische gibt (Stockfisch, Thunfisch, viele Süßwasserarten oder andere Meerestiere wie Shrimps, Hummer oder Langusten), beschränkte Wolk ihre Analyse, die jetzt im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2006; 296: 1371-1376) publiziert wurde, auf fettige Fische (zum Beispiel Lachs, Hering, Sardinen, Makrele).

So konnte sie ihre Hypothese bestätigen: Frauen, die angegeben hatten, wenigstens einmal pro Woche fettigen Fisch zu essen, erkrankten zu 44 Prozent seltener an einem Nierenzellkarzinom (RR 0,56; 0,35-0,91) als andere. Im Jahr 1997 hatten die Frauen erneut einen Ernährungsfragebogen ausgefüllt. Und die Frauen, die auch hier mindestens eine Mahlzeit pro Woche mit fettigem Fisch angegeben hatten, erkrankten sogar zu 74 Prozent seltener an einem Nierenzellkarzinom (RR 0,26; 0,10-0,67). Nach Angabe der Forscherin konnte damit erstmals ein Zusammenhang zwischen hohem Konsum fettiger Fische und einer niedrigen Nierenkrebsrate gezeigt werden. Ein Beweis für eine protektive Wirkung ist es indes nicht. Der kann durch eine Beobachtungsstudie nicht geführt werden. Notwendig wären hier Interventionsstudien mit der Einnahme von Vitamin D.
© rme/aerzteblatt.de

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