Palliativmediziner: Dunkelziffer bei Tötungen im Krankenhaus
Freitag, 6. Oktober 2006
Bad Krozingen/Berlin - Der Stuttgarter Palliativmediziner Christoph Student vermutet eine beachtliche Dunkelziffer von Tötungen auf Intensivstationen in deutschen Krankenhäusern. Studien in den USA und in Australien würden diesen Verdacht nahe legen, sagte der Mediziner am Freitag in Bad Krozingen. Die mutmaßliche Tötung von mindestens zwei Patienten an der Berliner Charité durch eine Krankenschwester komme keineswegs überraschend.
Einer Krankenschwester der kardiologischen Intensivstation der Charité wird vorgeworfen, zwei schwerstkranke Patienten getötet zu haben. Die Charité hat nach dem ersten Verdachtsmoment umgehend die Kriminalpolizei eingeschaltet. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, ein erstes Geständnis der Krankenschwester liegt vor, so die Staatsanwaltschaft.
Umfragen bei Pflegepersonal in USA und Australien ergaben laut Student, dass fast jede fünfte der anonym befragten Pflegekräfte mindestens einmal einen Menschen absichtlich getötet habe. Die Motive dafür reichten von Mitleid über Machtgefühl bis zum Bewusstsein, einem „heimlichen Auftrag“ zu folgen. Angesichts solcher Erkenntnisse sei es verwunderlich, dass solche Taten so selten entdeckt werden. Student geht davon aus, dass Pflegekräfte in Übersee nicht wesentlich anders handeln als die in Deutschland.
Der Mediziner warnte vor einer schleichenden Aufweichung der Grenzen zwischen Sterbebegleitung und Tötung aus vermeintlich humanen Motiven. Ein ethischer Diskurs über Fragen der Sterbehilfe in ihren verschiedensten Facetten müsse immer wieder mit den Klinik-Mitarbeitern geführt werden.
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