Experten fordern ehrliche Debatte über Rationierung
Donnerstag, 26. Oktober 2006
Berlin - Experten verlangen einen ehrlicheren Umgang von Politik und Gesellschaft mit der Begrenztheit der Finanzmittel im Gesundheitswesen. Zudem sei eine umfassendere Auseinandersetzung mit den Fragen der Rationierung notwendig, hieß es am Donnerstag bei der Jahrestagung des Nationalen Ethikrats in Berlin. Es bringe nichts, wenn Politiker wie Edmund Stoiber (CSU) oder Kassenchefs einerseits „Spitzenmedizin für jedermann“ versprächen und andererseits die Kassen neue Behandlungsmethoden nicht bezahlten.
Rationierung sei unvermeidbar, betonte der Dortmunder Wirtschaftsstatistiker Walter Krämer. Krämer, der Gießener Philosoph Stefan Gosepath und mehrere Mediziner betonten, der richtige Ort für Entscheidungen über Rationierung sei die übergeordnete Ebene, nicht das Arzt-Patienten-Verhältnis. Bei einem konkreten Menschenleben habe eine Kosten-Nutzen-Analyse keinen Platz, so Krämer. Sie müsse auf möglichst hoher und patientenferner Ebene einsetzen.
Der Lübecker Sozialmediziner Heiner Raspe sagte, Ziel der Rationierung sei in erster Linie Gerechtigkeit. Dabei müsse man in den Blick nehmen, dass Minderheiten nicht „den Bach runtergehen“ dürften. Raspe plädierte für eine Prioritätenliste. Diese nehme Druck aus der Politik heraus.
Umstritten blieb zwischen den Fachleuten, ob es tatsächlich im Gesundheitswesen eine Kostenexplosion gegeben habe. Nach den Worten Krämers könne man eine Ausgabenexplosion „einfach nicht abstreiten“. Dagegen wies Raspe den Begriff zurück, auch wenn es über die Jahrzehnte Teuerungen im Bereich der Medizin gegeben habe. Der Bayreuther Chirurg Eckhard Nagel, Mitglied des Nationalen Ethikrats, sprach vom Gespenst einer angeblich unkontrollierbaren Kostenexplosion.
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Mit Blick auf die Lage des Gesundheitswesens meinte der Lübecker Mediziner Hans-Peter Bruch: „Wir bezahlen einen Golf, fahren aber einen Rolls-Royce.“ Es stelle sich die Frage nach der Finanzierbarkeit des medizinischen Fortschritts. Er nannte dabei als wesentlichen Faktor die demografische Entwicklung. Man müsse aber davor warnen, dass nur noch das Primat des Ökonomischen gelte. Am meisten erschrecke ihn, dass die Politik gerade starre Strukturen entwickle, statt freie Diskussionen zu führen.
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