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Nach dem Giftmord in London – Intensive Spurensuche nach Polonium-210

Montag, 27. November 2006

London - Seit feststeht, dass der russische Ex-Spion Alexander Litvinenko, mitten in London mit radioaktivem Polonium-210 vergiftet wurde, fahndet Scotland Yard nicht nur nach den Tätern. Es werden auch weitere Personen gesucht, die zu Schaden gekommen sein könnten.

Die Health Protection Agency hat alle Personen gebeten, die am 1. November das Itsu Sushi Restaurant in 167 Piccadilly Circus besucht hatten, sich zu melden. Auch die Gäste der Pine Bar im Millenium Hotel am Grosvenor Square gelten als potenziell kontaminiert. Beide Lokalitäten sind geschlossen und werden nach Radioaktivität untersucht. Ebenso wird das Haus des Ex-Spions untersucht. 

Am Montag wurden drei Kontaktpersonen zu einer vorsorglichen Untersuchung in Kliniken eingewiesen, eine Vorsichtsmaßnahme wie es hieß. Eine große Gefahr, dass es zu einer ausgedehnten Kontamination gekommen ist, besteht allerdings nicht, jedenfalls solang nicht, wie die Täter sorgfältig mit dem Material umgingen. Die Radioaktivität dürfte überall dort nachzuweisen sein, wo das Opfer vor seinem Tod Urin gelassen hat. Polonium-210 ist ein sauberes und aus Sicht eines  Attentäters ein ideales Gift. Kleinste Mengen sind in hohem Maße toxisch, während die Risiken für den Täter bei richtiger Anwendung gering sind.

Polonium-210 ist ein Alpha-Strahler. Das heißt es zerfällt unter der Abgabe von zwei Protonen und zwei Neutronen in (stabiles) Blei-206. Alpha-Partikel haben eine geringe Reichweite und werden von den meisten Barrieren aufgehalten, darunter auch von der intakten menschlichen Haut. Zum Hantieren mit Polonium-210 sind deshalb keine speziellen Schutzhandschuhe notwendig, durch die ein Täter auffallen könnte.

Gelangt Polonium-210 allerdings in den Körper, höchstwahrscheinlich mit der Nahrung (theoretisch auch über die Atemluft), entfaltet es bald seine deletäre Wirkung. Denn auf der kurzen Wegstrecke, die Alpha-Teilchen im Gewebe zurückliegen, ionisieren sie wahllos alle Moleküle. Die zerstörerische Wirkung macht sich zunächst, wie bei der Strahlenkrankheit üblich an Zellen bemerkbar, die sich häufig teilen. Dazu gehören beispielsweise die Darmepithelien und das Knochenmark.

Da die Zerfallsrate von Polonium-210 sehr hoch ist – die Halbwertzeit beträgt nur 148,4 Tage – ist die Strahlenintensität sehr hoch. Das bedeutet, als weiteren Vorteil für den Täter, das extrem geringe Mengen benötigt werden. Um eine tödliche internistische Strahlendosis von 10 Sievert zu erzeugen, sind gerade einmal ein 0,12 Millionstel eines Gramms notwendig. Eine Giftmenge von der Größe eines Stecknadelkopfs würde für das Attentat ausgereicht haben.

Die hohe Energiedichte von Polonium-210 wird übrigens auch in der Raumfahrt genutzt, etwa zur Isolierung von Satelliten oder bei Mondfahrzeugen, deren innere Komponenten in den kalten Mondnächten durch Polonium-210 geschützt wurden.

Im Körper kommt es nach wenigen Tagen zu einer Strahlenkrankheit. Wie die britische Polizei vermutet, wurde der Ex-Spion Litvinenko bereits am Abend des 1. Novembers vergiftet. Ins University College Hospital gelangte er erst am 17. November, als sich die Symptome einer akuten Strahlenkrankheit eingestellt hatten. Zu ihnen gehören neben der auf dem Foto erkennbaren Alopezie und einer allgemeinen Schwäche auch Diarrhö und Dehydration, Anämie und Blutungen aus Nase, Mund, Zahnfleisch und Rektum. 

Der schnelle Zerfall von Polonium-210 hat zur Folge, dass das Material nicht lange gelagert werden kann. Wegen der Alphastrahlung ist es aber gut zu verbergen, sodass es ein leichtes sein dürfte, die intensivsten Kontrollen auf Flughäfen zu passieren.

Nach Russland als Herkunftsland weist neben dem politischen Hintergrund auch die Vorliebe des früheren KGB für Vergiftungen mit radioaktiven Materialien. Auch die Stasi soll mit radioaktiven Materialien (Scandium) gearbeitet haben. Zum anderen sind in den Zeiten des politischen Wechsels um 1990 größere Mengen radioaktiven Materials verschwunden. © rme/aerzteblatt.de

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