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“Jede Niere passt” – Lebendnierenspende trotz AB0-Inkompatibilität und Gewebeunverträglichkeit

Dienstag, 28. November 2006

Tübingen - Was noch vor einigen Jahren undenkbar war, rückt dank neuer Fortschritte in der Immunologie in den Bereich des Möglichen. Organe können transplantiert werden, auch wenn zwischen Spender und Empfänger ein völliger “Missmatch” besteht. In Tübingen wurde kürzlich erfolgreich eine Niere transplantiert, obwohl sich eine Inkompatibilität in der AB0-Blutgruppe und den HLA-Eigenschaften bestand. Der Empfänger hatte sogar Antikörper gegen das Spenderorgan. Eine frühere Transplantation war bei ihm fehlgeschlagen.

Der 18-jährige Dialysepatient wurde vor vier Monaten transplantiert. Er erhielt an der Tübinger Uniklinik die Spenderniere seiner Mutter, obwohl alles gegen eine Transplantation sprach: Er hat Blutgruppe 0, die Mutter Blutgruppe B. Außerdem bildete er Antikörper gegen die Gewebemerkmale seiner Mutter: Es bestand eine stark positive Kreuzprobe. Ohne spezielle Vorbehandlung wäre eine transplantierte Niere unter solchen Umständen bereits auf dem OP-Tisch irreversibel abgestoßen worden, berichtete die Gruppe um Oliver Amon von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin jetzt auf einer Pressekonferenz.

Diese spezielle Vorbehandlung bestand einmal in einer speziellen Plasmapherese (Immunabsorption), mit der aus dem Blut des Empfängers die Antikörper gegen die Blutgruppe der Mutter und die Antikörper gegen ihre Gewebsmerkmale entfernt wurden, die ansonsten nach der Transplantation eine sofortige Abstoßungskrise ausgelöst hätten. Zur vorbereitenden Therapie gehört außerdem die Gabe von intravenösen Immunglobulinen, sofern sich die Tübinger Mediziner an dem Protokoll von Liise Kayler vom Thomas Jefferson Hospital in Philadelphia orientiert haben, die bereits vor zwei Jahren erstmals eine Lebendnierentransplantation bei AB0- und Gewebeunverträglichkeit durchgeführt hat (Clinical Transplantation 2004; 18: 737-742).

Damals war ein 26-jähriger Dialysepatient unter ähnlichen Bedingungen wie jetzt in Tübingen transplantiert worden. Im Unterschied zum Tübinger Fall war dort die Spenderin eine von den Gewebsmerkmalen her identische Schwester mit nur schwach positiver Kreuzprobe. 2005 wurden drei Patienten in Baltimore nach dieser Methode transplantiert. In allen Fällen gehörte eine Splenektomie zum Behandlungsprotokoll.

Die Tübinger Transplantationsmediziner verzichteten jetzt – weltweit einmalig – auch auf die Entfernung der Milz. Dennoch blieb dem Patienten eine akute Abstoßungsreaktion erspart. Dies schließt spätere Abstoßungsreaktionen nicht aus, wie die jüngsten Erfahrungen der US-Gruppe um Kayler zeigen. Die Gruppe berichtet in Transplant International (2006; 19: 128-39), dass es bei sieben der ersten 12 Patienten schließlich doch zu Abstoßungsreaktionen kam.

Von den weiteren Erfahrungen wird es abhängen, ob sich die Hoffnung der Tübinger Transplantationsmediziner erfüllt. Denn wenn bei der Spenderauswahl keine Rücksicht mehr auf AB0- und HLA-Eigenschaften genommen werden müsste, könnten häufiger Lebendtransplantation durchgeführt werden. Gerade bei pädiatrischen Patienten ist die Bereitschaft von Eltern und Verwandten in der Regel hoch. © rme/aerzteblatt.de

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