Dem Typhus auf der Spur
Mittwoch, 6. Dezember 2006
Berlin – Typhus wird in der Zukunft ein großes Gesundheitsproblem darstellen. Davor warnen Forscher des Max-Planck Instituts für Infektionsbiologie in Berlin im Fachblatt Science (2006; 314 (5803): 1301 – 1304). 21 Millionen Menschen erkranken jährlich an Typhus. Etwa 200.000 sterben daran. Ursache der Krankheit sind Bakterien vom Typ Salmonella Typhi. Für die Gesundheit in Schwellenländern ist Typhus eine große Gefahr. Zwar verursacht Salmonella typhi auch in Europa und Amerika immer wieder Krankheitsfälle, doch seit Anfang des 20. Jahrhunderts ist Typhus dort seltener geworden. Die Evolutionsgeschichte und Populationsstruktur von Typhi war bisher wenig untersucht.
Um die evolutionäre Geschichte dieses Bakteriums aufzuklären, hat eine internationale Arbeitsgruppe jetzt erstmals eine global repräsentative Sammlung aus 105 Typhi-Stämmen zusammengestellt und die Sequenz von 90.000 Basenpaaren in jedem der Stämme auf Unterschiede hin geprüft. Die Forscher fanden heraus, dass gesunde Träger, so genannte Dauerträger, bei der Evolution und globalen Verteilung dieser Bakterien eine äußerst wichtige Rolle gespielt haben. Bereits 1902 hatte Robert Koch auf die Bedeutung der Dauerträger hingewiesen. Die Wissenschaftler betonen, dass weder die Behandlung dieser Krankheit mit Antibiotika noch eine globale Impfkampagne ausreichen werden, um sie auszurotten. Zudem konnten sie zeigen, dass die Behandlung von Akuterkrankten in Südostasien seit 1991 zum Auftreten von mehreren, unabhängigen Mutanten geführt hat, die gegen diese Behandlung unempfindlich sind, und dass eine eng verwandte Gruppe dieser Mutanten, H58 genannt, sich stark vermehrt und inzwischen auch Afrika erreicht hat.
Die Wissenschaftler um Mark Achtman und Philippe Roumagnac vom Max-Planck Institut für Infektionsbiologie in Berlin entdeckten 88 informative Sequenzpolymorphismen, die zeigen, dass sich die Populationsstruktur von Typhi über die letzten 10.000 bis 43.000 Jahre entwickelt hat. Der Urstamm und mehrere seiner direkten Nachkommen haben bis heute überlebt. „Wir vermuten, dass diese ungewöhnliche Populationsstruktur von Typhi durch Dauerträger bedingt wird, ein Phänomen, das erstmalig intensiv in Deutschland zwischen 1902 und 1910 untersucht wurde“, erklärte Achtman.
Die zunehmende Unempfindlicht gegen Antibiotika hat eine effektive Behandlung von Typhus in den vergangenen Jahrzehnten erschwert. Eine medizinische Behandlung mit Fluoroquinolonen wurde zum globalen Standard, weil sie wirksam und kostengünstig ist. Jedoch hat die weit verbreitete Benutzung von Fluoroquinolonen, die teilweise in Schwellenländern auch ohne Verschreibung erhältlich sind, die Zahl resistenter Typhi erhöht.
Die Untersuchung zahlreicher Typhi-Stämme aus Südostasien hat jetzt gezeigt, dass die Resistenz gegen Nalidixinsäure, ein Quinolon, durch unabhängige Mutationen in mehreren Genotypen entstanden ist. „Unsere Untersuchungen machen die gravierenden Probleme in der Krankheitsbekämpfung deutlich. Zum einen kann der unkontrollierte Gebrauch von Antibiotika zur Entwicklung resistenter Bakterienstämme führen. Zum anderen stellen Dauerträger einen sicheren Hafen für Typhi dar und werden deshalb voraussichtlich längerfristig dazu führen, dass Typhus eine Gefahr für die menschliche Gesundheit bleibt“, hieß es aus der Arbeitsgruppe. © hil/aerzteblatt.de
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